Conrad Ferdinand Meyer

Conrad Ferdinand Meyer war ein Schweizer Dichter des 19. Jahrhunderts. Seine Lyrik zeichnet sich durch formale Strenge und symbolische Bildsprache aus. Biografía ↓Más ↓

Poemas

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Eingelegte Ruder

Meine eingelegten Ruder triefen, Tropfen fallen langsam in die Tiefen.

Nichts das mich verdroß! Nichts das mich freute! Niederrinnt ein schmerzloses Heute!

Unter mir – ach, aus dem Licht verschwunden – Träumen schon die schönern meiner Stunden.

Aus der blauen Tiefe ruft das Gestern: Sind im Licht noch manche meiner Schwestern?

Im Spätboot

Aus der Schiffsbank mach’ ich meinen Pfühl, Endlich wird die heiße Stirne kühl! O wie süß erkaltet mir das Herz! O wie weich verstummen Lust und Schmerz! Ueber mir des Rohres schwarzer Rauch Wiegt und biegt sich in des Windes Hauch. Hüben hier und wieder drüben dort Hält das Boot an manchem kleinen Port: Bei der Schiffslaterne kargem Schein Steigt ein Schatten aus und niemand ein. Nur der Steurer noch, der wacht und steht! Nur der Wind, der mir im Haare weht! Schmerz und Lust erleiden sanften Tod Einen Schlumm’rer trägt das dunkle Boot.

Möwenflug

Möwen sah um einen Felsen kreisen Ich in unermüdlich gleichen Gleisen, Auf gespannter Schwinge schweben bleibend, Eine schimmernd weiße Bahn beschreibend, Und zugleich im grünen Meeresspiegel Sah ich um dieselben Felsenspitzen Eine helle Jagd gestreckter Flügel Unermüdlich durch die Tiefe blitzen. Und der Spiegel hatte solche Klarheit, Daß sich anders nicht die Flügel hoben Tief im Meer, als hoch in Lüften oben, Daß sich völlig glichen Trug und Wahrheit.

Allgemach beschlich es mich wie Grauen, Schein und Wesen so verwandt zu schauen, Und ich fragte mich, am Strand verharrend, Ins gespenstische Geflatter starrend: Und du selber? Bist du ächt beflügelt? Oder nur gemalt und abgespiegelt? Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen? Oder hast du Blut in deinen Schwingen?

Requiem

Bei der Abendsonne Wandern Wann ein Dorf den Strahl verlor, Klagt sein Dunkeln es den andern Mit vertrauten Tönen vor:

„Viele Schläge, viele Schläge Thut an einem Tag das Herz, Wenig Schläge, wenig Schläge Thut im Dämmerlicht das Erz!“

Noch ein Glöcklein hat geschwiegen Auf der Höhe bis zuletzt. Nun beginnt es sich zu wiegen, Horch, mein Kilchberg läutet jetzt!

Säerspruch

Bemeßt den Schritt! Bemeßt den Schwung! Die Erde bleibt noch lange jung! Dort fällt ein Korn das stirbt und ruht. Die Ruh ist süß. Es hat es gut. Hier eins das durch die Scholle bricht. Es hat es gut. Süß ist das Licht. Und keines fällt aus dieser Welt Und jedes fällt wie’s Gott gefällt.

Schwüle

Trüb verglomm der schwüle Sommertag, Dumpf und traurig tönt mein Ruderschlag – Sterne, Sterne – Abend ist es ja – Sterne, warum seid ihr noch nicht da?

Bleich das Leben! Bleich der Felsenhang! Schilf, was flüsterst du so frech und bang? Fern der Himmel und die Tiefe nah – Sterne, warum seid ihr noch nicht da?

Eine liebe, liebe Stimme ruft Mich beständig aus der Wassergruft – Weg, Gespenst, das oft ich winken sah! Sterne, Sterne, seid ihr nicht mehr da?

Endlich, endlich durch das Dunkel bricht – Es war Zeit! – ein schwaches Flimmerlicht – Denn ich wußte nicht wie mir geschah. Sterne, Sterne, bleibt mir immer nah!

Stapfen

In jungen Jahren war’s. Ich brachte dich Zurück ins Nachbarhaus, wo du zu Gast, Durch das Gehölz. Der Nebel rieselte, Du zogst des Reisekleids Capuze vor Und blicktest traulich mit verhüllter Stirn. Naß ward der Pfad. Die Sohlen prägten sich Dem feuchten Waldesboden deutlich ein, Die wandernden. Du schrittest auf dem Bord, Von deiner Reise sprechend. Eine noch, Die läng’re, folge drauf, so sagtest du. Dann scherzten wir, der nahen Trennung klug Das Angesicht verhüllend, und du schiedst, Dort wo der First sich über Ulmen hebt. Ich ging denselben Pfad gemach zurück, Leis schwelgend noch in deiner Lieblichkeit, In deiner wilden Scheu, und wohlgemuth Vertrauend auf ein baldig Wiedersehn. Vergnüglich schlendernd, sah ich auf dem Rain Den Umriß deiner Sohlen deutlich noch Dem feuchten Waldesboden eingeprägt, Die kleinste Spur von dir, die flüchtigste, Und doch dein Wesen: wandernd, reisehaft, Schlank, rein, walddunkel, aber o wie süß! Die Stapfen schritten jetzt entgegen dem

Zurück dieselbe Strecke Wandernden: Aus deinen Stapfen hobst du dich empor Vor meinem innern Auge. Deinen Wuchs Erblickt’ ich mit des Busens zartem Bug. Vorüber gingst du, eine Traumgestalt. Die Stapfen wurden jetzt undeutlicher, Vom Regen halb gelöscht, der stärker fiel. Da überschlich mich eine Traurigkeit: Fast unter meinem Blick verwischten sich Die Spuren deines letzten Gangs mit mir.

Zwei Segel

Zwei Segel erhellend Die tiefblaue Bucht! Zwei Segel sich schwellend Zu ruhiger Flucht!

Wie eins in den Winden Sich wölbt und bewegt, Wird auch das Empfinden Des andern erregt.

Begehrt eins zu hasten, Das andre geht schnell, Verlangt eins zu rasten, Ruht auch sein Gesell.

Biografía

Conrad Ferdinand Meyer war ein Schweizer Dichter des 19. Jahrhunderts, geboren 1825 in Zürich und gestorben 1898 in Kilchberg. Er verfasste sowohl Lyrik als auch historische Novellen, doch sein poetisches Werk umfasst zahlreiche Gedichte und Verserzählungen. Seine Lyrik zeichnet sich durch strenge formale Gestaltung, präzise Sprache und eine reiche, oft symbolische Bildwelt aus. Häufig greift er historische Stoffe, mythologische Motive und Naturbilder auf, die er mit einer melancholischen Grundstimmung verbindet. Meyer gilt als einer der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker des Realismus und steht in der Tradition von Autoren wie Gottfried Keller und Theodor Storm. Zu seinen bekanntesten Gedichtsammlungen zählt der mehrfach erweiterte Band „Gedichte“. Sein Versepos „Huttens letzte Tage“ thematisiert die Gestalt des Humanisten Ulrich von Hutten. Meyers Werk beeinflusste die Lyrik der Jahrhundertwende und wird bis heute als Höhepunkt formbewusster Dichtung angesehen.

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