Goethe entwirft ein Bild, in dem die menschliche Seele dem Wasser gleicht. Wie Wasser steigt sie zum Himmel und muss wieder zur Erde, in ewigem Wechsel. In ruhigen Passagen schildert er einen reinen Strahl, der von der Felswand herabstäubt, und ein Wasser, das sanft durchs Wiesental zieht; im glatten See spiegeln sich die Sterne. Doch wenn Klippen den Lauf stören, schäumt es auf und stürzt in den Abgrund. Am Ende wird der Wind zum Bild für das Schicksal: Er liebkost die Welle, wühlt sie aber auch vom Grund aus und mischt schäumende Wogen. Die letzten Zeilen sprechen den Menschen unmittelbar an – Seele und Wasser, Schicksal und Wind gehören zusammen. Der Ton ist feierlich und zugleich leicht, fast wie ein Lied. Die Stimmung wirkt erhaben und ein wenig melancholisch, weil der Mensch seine innere Bewegtheit und sein Schicksal als Kräfte erlebt, die er nicht ganz lenken kann.
Gesang der Geister über den Wassern — Zusammenfassung
Des Menschen Seele Gleicht dem Wasser: Vom Himmel kommt es, Zum Himmel steigt es, Und wieder nieder Zur Erde muß es, Ewig wechselnd.
Strömt von der hohen, Steilen Felswand Der reine Strahl, Dann stäubt er lieblich In Wolkenwellen Zum glatten Fels, Und leicht empfangen Wallt er verschleyernd, Leisrauschend, Zur Tiefe nieder.
Ragen Klippen Dem Sturze entgegen, Schäumt er unmuthig Stufenweise Zum Abgrund.
Im flachen Bette Schleicht er das Wiesenthal hin, Und in dem glatten See Weiden ihr Antlitz Alle Gestirne.
Wind ist der Welle Lieblicher Buhler; Wind mischt vom Grund aus Schäumende Wogen.
Seele des Menschen, Wie gleichst du dem Wasser! Schicksal des Menschen, Wie gleichst du dem Wind!