Die Erblindende — Zusammenfassung

Rainer Maria RilkeContemplativo

Sie saß so wie die anderen beim Tee. Mir war zuerst, als ob sie ihre Tasse ein wenig anders als die andern fasse. Sie lächelte einmal. Es tat fast weh.

Und als man schließlich sich erhob und sprach und langsam und wie es der Zufall brachte durch viele Zimmer ging, (man sprach und lachte), da sah ich sie. Sie ging den andern nach,

verhalten, so wie eine, welche gleich wird singen müssen und vor vielen Leuten; auf ihren hellen Augen die sich freuten war Licht von außen wie auf einem Teich.

Sie folgte langsam, und sie brauchte lang als wäre etwas noch nicht überstiegen; und doch: als ob, nach einem Übergang, sie nicht mehr gehen würde, sondern fliegen.

Mostrar el poema completoOcultar el poema

App Learn Poems

Probiere die App Learn Poems aus

Alles aus dem Website-Trainer und mehr: neue Übungen, Sprachaufnahme und Teilen, Erinnerungen, schnelles Auffrischen.

Beim Tee bemerkt der Sprecher eine Frau, die ihre Tasse ein wenig anders hält als die anderen. Ihr einmaliges Lächeln berührt ihn so stark, dass es fast weh tut. Als die Gesellschaft später durch die Zimmer geht, beobachtet er sie: Sie folgt den anderen verhalten, wie jemand, der gleich vor vielen Menschen singen muss. Ihre hellen, freudigen Augen wirken dabei wie eine Teichoberfläche, auf der Licht von außen liegt – als spiegelten sie die Welt nur noch, statt sie wirklich zu sehen. Die kommende Erblindung wird nicht ausgesprochen, ist aber in ihrer vorsichtigen Art spürbar. Sie geht langsam, als müsse sie erst etwas übersteigen. Zugleich ahnt der Sprecher, dass sie nach diesem Übergang nicht mehr gehen, sondern fliegen würde. So entsteht eine leise, eindringliche Stimmung: Aus einer alltäglichen Szene wird der Moment einer stillen Verwandlung, in dem Mitgefühl und Bewunderung nah beieinander liegen.

Lee también

Más de Rainer Maria Rilke

Todos los poemas
ContemplativoRainer Maria Rilke

Herbsttag

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß. Leg Deinen Schatten auf die Sonnenuhren und auf den Fluren laß die Winde los. Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
InspiradorRainer Maria Rilke

Spanische Tänzerin

Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß, eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten zuckende Zungen streckt —: beginnt im Kreis naher Beschauer hastig, hell und heiß
ContemplativoRainer Maria Rilke

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh, hinter den Blütendolden, die ein Blau nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.