Alfred Lichtenstein
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Die Dämmerung
Ein dicker Junge spielt mit einem Teich. Der Wind hat sich in einem Baum gefangen. Der Himmel sieht verbummelt aus und bleich, Als wäre ihm die Schminke ausgegangen.
Auf lange Krücken schief herabgebückt Und schwatzend kriechen auf dem Feld zwei Lahme. Ein blonder Dichter wird vielleicht verrückt. Ein Pferdchen stolpert über eine Dame.
An einem Fenster klebt ein fetter Mann. Ein Jüngling will ein weiches Weib besuchen. Ein grauer Clown zieht sich die Stiefel an. Ein Kinderwagen schreit und Hunde fluchen.
Biography
Alfred Lichtenstein war ein deutscher expressionistischer Lyriker und Erzähler, geboren 1889 in Berlin und 1914 im Ersten Weltkrieg gefallen. Er studierte Jura und veröffentlichte ab 1911 Gedichte in Zeitschriften wie 'Der Sturm' und 'Die Aktion'. Seine Lyrik thematisiert häufig die Anonymität und Reizüberflutung der modernen Großstadt, oft in einer Mischung aus Melancholie, Sarkasmus und Groteske. Charakteristisch sind knappe, oft unverbundene Bilder und eine ironische Brechung konventioneller lyrischer Motive. 1913 erschien sein einziger zu Lebzeiten veröffentlichter Gedichtband 'Die Dämmerung'; weitere Texte wurden postum publiziert. Lichtenstein gilt als eine der markantesten Stimmen des frühen literarischen Expressionismus, dessen Werk die Desorientierung und Verlorenheit des Individuums vor dem Ersten Weltkrieg widerspiegelt. Sein früher Tod an der Front unterbrach eine produktive, wenngleich kurze Schaffensphase, die dennoch nachhaltig auf die Lyrik der Moderne gewirkt hat.
