Emanuel Geibels Gedicht „Der Mai ist gekommen“ liest sich wie ein musikalisches Aufbruchssignal. In sechs volksliedhaften Strophen spricht ein junger Bursche, den der Frühling aus dem Haus treibt. Zentral ist nicht das Ankommen, sondern das Aufbrechen selbst: Wandern erscheint als Glückssuche und Lob des freien Lebens. Bereits die ersten Verse setzen ein Gegenbild: Wer will, soll „mit Sorgen zu Haus“ bleiben; der Sprecher dagegen sieht den Wolken am „himmlischen Zelt“ hinterher und spürt, dass sein Sinn in die „weite, weite Welt“ steht. Die Sehnsucht hat kein bestimmtes Ziel, sondern richtet sich auf die offene Ferne.
Daraufhin wendet er sich an die Eltern: „Herr Vater, Frau Mutter, daß Gott euch behüt!“ Der Abschied ist zärtlich und fromm, nicht rebellisch. Was ihn zieht, sind ungegangene Straßen und ungekostete Weine – Bilder für ungelebte Möglichkeiten. Die Wiederholung von „es giebt so manche“ verstärkt den Eindruck eines Lebens, das noch ganz offen ist. Das altertümliche „nimmer“ bedeutet hier „noch nie“ und macht aus der Verneinung eine Lust auf Neues.
Die dritte Strophe schildert den Aufbruch als dynamischen Naturmoment: „Frisch auf drum, frisch auf im hellen Sonnenstrahl, wohl über die Berge, wohl durch das tiefe Thal!“ Imperative und das wiederholte „wohl“ erzeugen Schwung. Quellen erklingen, Bäume rauschen, und das Herz des Sprechers wird zur Lerche, die in den Klang einstimmt. Außen und Innen verschmelzen: Die Landschaft ist kein Hintergrund, sondern ein klingender Resonanzraum.
Abends kehrt der Wanderer im Städtlein „durstig“ ein, bestellt „eine Kanne blanken Wein“, ruft den Spielmann und singt „von meinem Schatz das Liedel“. In dieser Szene steckt keine sentimentale Liebesklage, sondern Geselligkeit und Musik. Diminutive wie „Liedel“ sowie altertümliche Schreibungen wie „giebt“ und „Thal“ geben den Versen einen volksliedhaften Ton, als wären sie selbst schon lange gesungen worden.
Selbst die Nacht ohne Herberge wird zum Geborgenheitsbild: Unter blauem Himmel halten die Sterne Wacht, die Linde rauscht den Sprecher in den Schlaf, am Morgen küsst ihn das Morgenrot wach. Die Natur ersetzt das Haus, ohne Heimweh aufkommen zu lassen. Solche Personifikationen – Sterne als Wächter, das Morgenrot als Kuss – verleihen dem Schlaf im Freien eine fast familiäre Wärme.
Die letzte Strophe steigert sich zur Anrufung: „O Wandern, o Wandern, du freie Burschenlust!“ Hier wird das Wandern selbst zum Du. In ihm weht „Gottes Odem“ frisch in die Brust; das Herz singt und jauchzt zum Himmelszelt. Weltfreude und Gottvertrauen sind keine Gegensätze, sondern gehören zusammen. Der Schlussvers greift den Anfang auf: „Wie bist du doch so schön, o du weite, weite Welt!“ Aus Sehnsucht wird staunendes Lob.
Die Wirkung des Gedichts liegt in dieser Verbindung: Es feiert den Aufbruch der Jugend, ohne die Eltern zu verwerfen oder die Fremde zu fürchten. Die verlässlichen Reime in den geraden Verszeilen, der liedhafte Rhythmus und die sinnlichen Frühlingsbilder erklären, warum diese Verse als Wander- und Volkslied weiterleben konnten. Bei Geibel wird Freiheit nicht als etwas Düsteres oder Verlorenes besungen, sondern als eine Einladung, die Schönheit der Welt mit allen Sinnen zu entdecken.