Rondel — Gedichtanalyse

Verflossen ist das Gold der Tage, Des Abends braun und blaue Farben: Des Hirten sanfte Flöten starben Des Abends blau und braune Farben Verflossen ist das Gold der Tage.

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Georg Trakls Gedicht «Rondel» ist ein fünfzeiliges Gebilde, das trotz seiner Kürze einen ganzen Abendraum öffnet. Das erste Wort «Verflossen» setzt dabei die Richtung: Es meint kein einfaches Vergehen, sondern ein rinnendes, flüssiges Entgleiten. Die Tage erscheinen als «Gold», als kostbare, leuchtende Substanz, die man nicht halten kann. Diese Verbindung von Wert und Verlust wird nicht erzählt, sondern in den Worten selbst hörbar. Georg Trakl, 1887 in Salzburg geboren und 1914 in Krakau gestorben, führt in diesem Rondel seine Bildwelt von Dämmerung und Abschied in einer strengen, fast musikalischen Kurzform vor.

Der Titel verweist auf eine alte kreisende Liedform, und tatsächlich schließt sich der Text zu einem Kreis. Die erste Zeile kehrt am Ende unverändert wieder; die zweite Zeile wird in der vierten gespiegelt, allerdings mit vertauschten Farbwörtern: aus «braun und blaue Farben» wird «blau und braune Farben». Der Abend scheint sich einmal um sich selbst zu drehen, ohne aus seiner Dämmerung herauszutreten. Verstärkt wird dieser Eindruck durch das Reimschema a b b b a: Die äußeren «Tage» rahmen drei Mittelzeilen, in denen «Farben» und «starben» ineinanderklingen. Der Tod klingt auf diese Weise im Farbwort selbst mit.

Der Satzbau unterstützt die Stimmung. Nach dem vollständigen Satz der ersten Zeile folgt mit «Des Abends braun und blaue Farben» eine Fläche ohne Verb, fast ein farbiges Bild, das der Doppelpunkt anhält. Erst in der dritten Zeile setzt mit dem Präteritum «starben» wieder eine Bewegung ein – doch auch diese Bewegung ist ein Ende. Des Hirten sanfte Flöten sterben. Das ist mehr als Verstummen; es ist das Erlöschen eines idyllischen Tons. Der Hirte, traditionell eine Figur friedlicher Einfachheit, verliert mit seiner Flöte die Stimme. In einem einzigen Vers treffen die bukolische Geborgenheit und ihr Abbruch zusammen.

Auch die Farben sind genau gewählt. Braun zieht den Abend zum Boden, zu Erde, herbstlichem Laub und nächtlicher Schwere; Blau öffnet ihn in die Ferne, die Kühle, vielleicht in einen Traum. Zwischen diesen Polen liegt der Abend als unentschiedener Zustand, weder ganz Tag noch ganz Nacht. Der mehrmalige Genitiv – «Des Abends», «Des Hirten» – verleiht den Zeilen etwas Feierliches, beinahe Altes. Zeit und Mensch werden zu Besitzern eines Augenblicks, der ihnen schon entgleitet.

Liest man die Zeilen laut, fällt auf, wie weich die Konsonanten ineinandergleiten: das anlautende F in «Verflossen», «Farben» und «Flöten», das L in «Gold» und «Flöten», das gedehnte Au in «blau». Der Klang selbst verflüssigt sich, ganz wie es das erste Wort vorgibt. Umso härter wirkt das «starben» mit seiner Konsonantengruppe st; es setzt dem Fließen einen kurzen, schmerzlichen Widerstand entgegen, ehe die Farbzeile erneut, nun gespiegelt, aufsteigt. Im Zentrum steht daher nicht der Einbruch der Nacht, sondern ein Schwellenmoment, in dem das Schöne – Gold, Farbe, Flötenklang – bereits als Verlorenes erscheint.

Bedeutsam wird das Gedicht durch seine Wiederholung. Das «Verflossen ist das Gold der Tage» klingt nach dem Sterben der Flöten nicht gleich; es ist jetzt keine Feststellung mehr, sondern eine nachhallende Bestätigung des Verlusts. Der Kreis schließt sich, aber er bringt nichts zurück. Die Form verspricht Rundung und Wiederkehr, der Inhalt spricht von unwiderruflichem Verrinnen. Genau in dieser Spannung liegt die Kraft von Trakls kurzem Rondel: Es dreht sich um etwas, das im Drehen immer weiter verschwindet.

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