Denk ich an Deutschland in der Nacht – mit dieser schlaflosen Wendung beginnt Heinrich Heines «Nachtgedanken». In zehn vierzeiligen Strophen, durchgehend in vierhebigen Jamben und Paarreimen gefasst, gewinnt das Gedicht einen drängenden, fast liedhaften Rhythmus. Was zunächst wie politische Sorge aussieht, verschiebt sich schon in der zweiten Strophe ins Private: Nicht das Land allein raubt den Schlaf, sondern die Trennung von der Mutter, die seit zwölf Jahren nicht mehr umarmt wurde. Das macht den Kern des Gedichts aus: Heimat wird nicht als abstrakte Größe besungen, sondern an einen sterblichen Menschen gebunden.
Die Mutter erscheint liebevoll und zugleich mit leisem Aberglauben als «die alte Frau», die den Sprecher «behext» habe. Dieses Wort macht die Sehnsucht zu einem Bann, dem man nicht entkommt. Besonders die Briefe der Mutter werden zu einem körperlichen Zeichen der Nähe: In den zitternden Schriftzügen sieht das Ich, «wie tief das Mutterherz erschüttert» ist. Zweimal fällt die Wendung «Zwölf lange Jahre», und die Verben «floßen hin» und «sind verflossen» lassen Zeit wie Wasser ablaufen – ungreifbar und unaufhaltsam. Die Mutter liegt dem Sprecher «stets im Sinn», doch es ist kein vages Gefühl, sondern die Angst um eine alte, gefährdete Frau.
Dagegen setzt das Gedicht ein scheinbar beruhigtes Deutschlandbild: «Deutschland hat ewigen Bestand, / Es ist ein kerngesundes Land.» Eichen und Linden wirken wie vertraute nationale Symbole. Doch diese Dauerhaftigkeit tröstet nicht; sie unterstreicht den Unterschied. «Das Vaterland wird nie verderben, / Jedoch die alte Frau kann sterben» – in diesem «jedoch» liegt die eigentliche Wendung. Der Sprecher lechzt nicht so sehr nach Deutschland, wie er es ohne die Mutter täte. Die Nation mag überdauern, aber Liebe und Sorge hängen an einem einzelnen Menschen.
In den letzten Strophen vor dem Schluss wird die nächtliche Schwermut zur Totenklage. Seit der Sprecher das Land verlassen hat, sind viele Geliebte «dort in’s Grab» gesunken. Das Zählen dieser Toten wird zum Zwang: «Und zählen muß ich – Mit der Zahl / Schwillt immer höher meine Qual.» Leichen wälzen sich auf die Brust des Ichs; der doppelte Aufschrei «Gottlob! sie weichen!» wirkt wie ein heftiges Atemholen. Die Erlösung kommt nicht aus eigener Kraft, sondern von außen.
Dieses Außen ist ausdrücklich «französisch heit’res Tageslicht». Es bricht durch das Fenster, und mit ihm erscheint das «Weib, schön wie der Morgen», das die «deutschen Sorgen» fortlächelt. Hier wird die Pariser Exilsituation Heines anschaulich: Der Gegensatz zwischen deutscher Nacht und französischem Morgen, zwischen Mutter und Ehefrau, Vergangenheit und Gegenwart wird nicht politisch ausgetragen, sondern als privates Überleben sichtbar. Die Frau lächelt die Ängste nicht endgültig weg; sie hält sie für einen Moment in Schach. Genau darin liegt die besondere Wirkung: Heine verzichtet auf jede heroische Deutschlandgeste und zeigt, dass Heimat zuerst eine menschliche Bindung ist – an die alte Frau, die sterben kann, während das «kerngesunde Land» unerreichbar weiterbesteht.