Ein Atem liegt noch auf den Wangen, aber die Tage, die ihn gebracht haben, sind unwiederbringlich fort. Hugo von Hofmannsthals «Terzinen über Vergänglichkeit» hält diese paradoxe Erfahrung aus, ohne sie in Trost aufzulösen. Vergänglichkeit erscheint hier nicht nur als Verlust von Zeit, sondern als eine Verfassung des Ich: Alles gleitet, das eigene Selbst bleibt nicht fest, und gerade darin öffnet sich eine rätselhafte Einheit von Mensch, Ding und Traum.
Die Form trägt diese Bewegung. Hofmannsthal verwendet die Terzine, deren mittlerer Reim in die nächste Strophe weiterläuft, sodass kein fester Abschluss entsteht. Die fünfhebigen jambischen Verse werden durch Enjambements immer wieder weitergeschoben, etwa wenn es heißt: «Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt, / Herüberglitt aus einem kleinen Kind / Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.» Das Ich begegnet sich selbst als Fremdem; der eigene Ursprung im Kind ist nicht mehr erreichbar. Noch tiefer reicht die Verwandtschaft mit den Ahnen, die dem Sprecher «wie mein eignes Haar» zugehören. Die Wiederholung «So eins mit mir als wie mein eignes Haar» macht den Tod zu einem Teil der eigenen körperlichen Gegenwart.
Im mittleren Teil verliert der Tod seine Bedrohung. Beim Blick auf das «helle Blauen / Des Meeres» erscheint Sterben wie ein stilles Hinüberfließen des Lebens «in Bäum' und Gras». Die Bilder der sehr blassen, frierenden Mädchen und der Heiligen, die ihr Blut vergießt, verbinden kindliche Schwäche mit sakraler Hingabe. Vergehen wird zur Verwandlung, nicht zum Abbruch. Worte wie «gleitet», «hinüberfließt» und «ohne Grauen» zeigen ein Entgrenzen, bei dem das Einzelwesen in die umgebende Natur eintritt.
Noch deutlicher wird diese Entgrenzung in den Traumstrophen. «Wir sind aus solchem Zeug, wie das zu Träumen», heißt es, und die Träume schlagen die Augen auf wie Kinder unter Kirschbäumen, während der Vollmond aus den Baumkronen steigt. Träume sind nicht bloß Bilder, sondern Mächte, die in uns hausen: «Wie Geisterhände in versperrtem Raum / Sind sie in uns und haben immer Leben.» Daraus zieht das Gedicht seine eigentliche Formel: «Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.» Hier ist die Trennung zwischen wahrnehmendem Ich, äußerem Gegenstand und innerer Vision aufgehoben – Vergänglichkeit wird zum Medium dieser Einheit.
Die letzten Strophen kehren ins Traumgeschehen zurück: Nie geliebte Frauen erscheinen als kleine Mädchen und berühren den Träumenden «unsäglich rührend». Abendwege, atmende Wipfel, stumme Weiher und erstes Sterngefunkel spiegeln dabei die Sehnsucht der Seelen. Am Ende steht nicht Verzweiflung, sondern eine tiefe Ahnung, die «das große Leben» mit seiner «Herrlichkeit und Strenge» begreift. So wird das Vergehen zugleich als Verlust und als geheimnisvolle Teilhabe erfahren.
Die Bedeutung des Gedichts liegt darin, wie es ein altes Thema – die Vergänglichkeit – ins Moderne wendet: Das Ich wird nicht gerettet, sondern löst sich bejahend in Traum, Natur und Zeit auf. Die geschmeidige Sprache selbst wirkt wie einer dieser Träume, die aus dem Gedicht aufsteigen, und macht die Grenze zwischen Innen und Außen durchlässig.