Der Wind ist in Hugo von Hofmannsthals «Vorfrühling» kein bloßes Wetter, sondern ein geisterhafter Bote. Er läuft durch kahle Alleen, und in seinem Wehen liegen „seltsame Dinge“ – halb Erinnerung, halb gegenwärtige Berührung. Das Gedicht erzählt keine Handlung, sondern reiht Bilder aneinander, die der Wind streift oder mit sich trägt: weinende Menschen, zerrüttetes Haar, Akazienblüten, glühende Glieder, lachende Lippen, Flötenklang, flüsternde Zimmer, verlöschendes Licht. So entsteht die Vorstellung, der Vorfrühling sei ein durchlässiger Zustand, in dem Stadt und Landschaft, Lachen und Weinen, Helligkeit und Dunkel ineinander übergehen.
Formal ist der Text aus kurzen, meist vierzeiligen Strophen gebaut. Die Verse sind knapp, tragen oft nur zwei oder drei Hebungen, und die Reime wirken wie ein leises Echo: Wind und sind, Alleen und Wehn, Lachen und wachen, Schweigen und Neigen. Diese Klangverwandtschaften geben dem Gedicht etwas Liedhaftes, beinahe Beschwörendes. Die Eingangsstrophe kehrt in der Mitte wörtlich wieder und rahmt die Bilderkette. Unmittelbar danach aber verändert sich der Ton. Aus den „kahlen Alleen“ werden „glatte, kahle Alleen“, und statt „seltsamer Dinge“ treibt das Wehen nur noch „blasse Schatten“. Der Wind, anfangs noch voller rätselhafter Erfahrungen, wird blasser, gespenstischer. Was er bringt, ist am Ende kaum noch fassbar.
Die einzelnen Bilder sind widersprüchlich und gerade darin genau. Der Wind hat sich „gewiegt, wo Weinen war“, hat sich „geschmiegt in zerrüttetes Haar“ – er nimmt Trauer und Unordnung auf, als wären sie etwas Körperliches. Dann schüttelt er Akazienblüten nieder und kühlt „die Glieder, die atmend glühten“; das ist zugleich Zärtlichkeit und Kühlung, Nähe und Abstand. „Lippen im Lachen hat er berührt“ und „die weichen und wachen Fluren durchspürt“: Mund und Landschaft, Haut und Wiese fließen ineinander. Später gleitet er „durch die Flöte als schluchzender Schrei“, fliegt an „dämmernder Röte“ vorbei und löscht „im Neigen der Ampel Schimmer“. Aus Klang wird Schrei, aus Farbe Dämmerung, aus Licht Erlöschen. Nirgends wird ein Gefühl benannt, aber überall wird es spürbar. Der Wind ist das Medium, durch das die Welt zu einer einzigen Stimmung wird.
Das Letzte, was bleibt, ist ein Duft. „Und den Duft, / den er gebracht, / von wo er gekommen / seit gestern nacht“ – hier fehlt jede genaue Ortsangabe. Man erfährt nicht, woher der Wind kommt, nur dass er die Nacht hinter sich hat. Der Duft ist die feinste, flüchtigste Spur; er bezeichnet etwas, das schon fast vergangen ist. Damit wird der Vorfrühling selbst zu einer seelischen Landschaft. Hofmannsthal, der Wiener Lyriker und Dramatiker der Jahrhundertwende, verwandelt äußere Wahrnehmung in innere Regung, ohne sie zu erklären. Das Gedicht bleibt darin modern, dass es die Dinge nicht benennt, sondern nur umspielt. Die kahle Allee, das Wehen, der unbestimmte Duft – alles deutet auf ein Geschehen, das im Dunkel bleibt. Genau diese Offenheit macht den Reiz des Textes aus: Er lässt den Leser spüren, dass im frühen Frühling etwas Seltsames unterwegs ist, das man nicht festhalten kann.