Der Frühlingswind streicht durch noch kahle Alleen, und in seinem Wehen liegen seltsame Dinge – Spuren von Weinen, zerrüttetem Haar, glühenden Gliedern und berührten Lippen. Der Wind wird fast zu einem nächtlichen Wesen: Er hat Akazienblüten herabgeschüttelt, ist als schluchzender Schrei durch eine Flöte geglitten, an dämmernder Röte vorbeigeflogen und hat das Lampenlicht gelöscht. Diese Bilder rufen eine Stimmung von Abschied, Melancholie und leiser Sinnlichkeit hervor. Der Sprecher selbst bleibt im Hintergrund, er beobachtet den Wind wie einen Boten aus einer halb erinnerten Nacht. Die Wiederholung der Anfangsstrophe am Ende verstärkt den Eindruck einer Kreisbewegung; nun treibt der Wind blasse Schatten durch die glatten Alleen und bringt einen Duft mit, dessen Herkunft seit gestern Nacht unbestimmt bleibt. Die kahlen Alleen zeigen, dass der Frühling erst im Kommen ist; der Wind bringt ihn als Ahnung, nicht als Gewissheit. So trägt der Vorfrühling nicht nur Erneuerung, sondern auch Erinnerung und Geheimnis in sich.
Vorfrühling — Zusammenfassung
Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.
Er hat sich gewiegt, Wo Weinen war, Und hat sich geschmiegt In zerrüttetes Haar.
Er schüttelte nieder Akazienblüten Und kühlte die Glieder, Die atmend glühten.
Lippen im Lachen Hat er berührt, Die weichen und wachen Fluren durchspürt.
Er glitt durch die Flöte Als schluchzender Schrei, An dämmernder Röte Flog er vorbei.
Er flog mit Schweigen Durch flüsternde Zimmer Und löschte im Neigen Der Ampel Schimmer.
Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.
Durch die glatten Kahlen Alleen Treibt sein Wehn Blasse Schatten.
Und den Duft, Den er gebracht, Von wo er gekommen Seit gestern nacht.