Die Schnupftabaksdose — Gedichtanalyse

Es war eine Schnupftabaksdose, Die hatte Friedrich der Große Sich selbst geschnitzelt aus Nußbaumholz. Und darauf war sie natürlich stolz.

Da kam ein Holzwurm gekrochen. Der hatte Nußbaum gerochen. Die Dose erzählte ihm lang und breit Von Friedrich dem Großen und seiner Zeit.

Sie nannte den alten Fritz generös. Da aber wurde der Holzwurm nervös Und sagte, indem er zu bohren begann: „Was geht mich Friedrich der Große an!“

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Eine Dose, die von Friedrich dem Großen erzählt, und ein Holzwurm, der nur an sein Fressen denkt – Joachim Ringelnatz baut aus dieser scheinbar kindlichen Konstellation eine kleine Komödie über Ruhm, Geschichte und Vergänglichkeit. Die Schnupftabaksdose aus Nußbaumholz, angeblich von Friedrich dem Großen eigenhändig geschnitzelt, ist mächtig stolz auf ihre Herkunft. Als ein Holzwurm angekrochen kommt, weil er das Nußbaumholz riecht, hält sie ihm einen langen Vortrag über den König und seine Zeit. Sie nennt den alten Fritz sogar „generös“. Doch der Wurm wird bei so viel Bewunderung nur nervös, beginnt zu bohren und fragt: „Was geht mich Friedrich der Große an!“ In dieser Pointe steckt die zentrale Idee: Die Dose lebt ganz in der Verehrung des großen Königs, der Wurm dagegen lebt im Hier und Jetzt seines Hungers. Für ihn ist Geschichte kein Wert, sondern nur Material. Was die Dose als glanzvolle Herkunft erzählt, ist für den Wurm schlicht ein Stück Holz, das gefressen werden will.

Die Verse kommen als schlichte Paarreime daher: Dose reimt sich auf Große, Nußbaumholz auf stolz, gekrochen auf gerochen. Durch die wechselnden Zeilenlängen entsteht ein erzählender, fast mündlicher Ton, wie eine kleine Fabel, die sich gut vorlesen lässt. Das lange, fast komisch wirkende Wort „Schnupftabaksdose“ eröffnet das Gedicht und setzt sogleich einen Ton von Alltäglichkeit und leiser Skurrilität. Auffällig ist auch das verniedlichende Wort „geschnitzelt“: Friedrich der Große hat die Dose nicht kunstvoll geschnitzt, sondern eher gebastelt – das nimmt dem königlichen Werk schon leise die Weihe. Die Dose selbst wird vermenschlicht: Sie ist stolz, erzählt lang und breit und wählt das vornehme Fremdwort „generös“. Dieses Wort passt zu ihrem Ehrfurchtsgestus, wirkt aber neben dem nüchternen Holzwurm beinahe komisch, weil es eine höfische Sphäre beschwört, die dem Wurm völlig gleichgültig ist. Der Wurm dagegen wird mit alltäglichen Verben gezeigt: Er riecht, kriecht, bohrt. Sein Satz am Ende ist kurz, direkt und salopp – ein sprachlicher Absturz aus der feierlichen Erzählung der Dose in die banale Wirklichkeit.

Das Nußbaumholz ist das zentrale Bild: Es ist edel, wertvoll, mit Königtum verbunden, aber gerade deshalb für den Wurm appetitlich. Der Reim „gekrochen/gerochen“ verbindet Bewegung und Geruchssinn und zeigt, dass der Wurm ganz von seinem Instinkt gelenkt wird. Auch das Wort „natürlich“ in „natürlich stolz“ schillert: Es bedeutet selbstverständlich, aber auch naturgemäß – die Dose ist stolz auf ihr Naturmaterial, und genau dieses Material ruft den Wurm herbei. Die Dose repräsentiert Erinnerung und Denkmal, der Wurm die Natur, die solche Denkmäler unbeeindruckt zerlegt. Während die Dose von Friedrichs Zeit „lang und breit“ erzählt, will der Wurm nicht zuhören; er wird nervös. Das Wort „nervös“ ist ein moderner Kontrast zum historischen Pathos – es zeigt, dass dem Wurm die ganze Verehrung unangenehm ist, weil sie ihn von seinem eigentlichen Ziel abhält. Seine Frage ist keine Frage nach Information, sondern eine Absage. Der Wurm stellt nicht in Abrede, dass Friedrich groß war; er erklärt nur, dass ihm das egal ist. Indem er zu bohren beginnt, während die Dose noch redet, beantwortet er ihren Vortrag mit einer Tat: Er macht aus dem ehrwürdigen Gegenstand wieder bloßes Holz.

Gerade in dieser Gleichgültigkeit liegt die Bedeutung des Gedichts. Es ist eine humoristische Absage an übertriebene Heldenverehrung. Ringelnatz zeigt, dass der Blick eines Holzwurms – also eines Wesens, das nur auf das Nötige achtet – den Glanz großer Namen schrumpfen lässt. Die Dose mag stolz sein, aber sie ist eben nur Holz; ihre Geschichte hängt davon ab, dass jemand sie bewahrt und bewundert. Kommt nur ein kleiner Wurm, beginnt er zu bohren, und aus der Dose wird wieder bloßes Material. Auf diese Weise erinnert der Text daran, dass Ruhm und Größe vergänglich sind, wenn niemand mehr da ist, der an sie glaubt. Das geschieht jedoch ohne schwere Melancholie, sondern mit leiser Ironie und einem verschmitzten Reim. Gerade weil die Fabel so einfach gebaut ist, bleibt die Pointe haften: Der Wurm hat das letzte Wort, und dieses Wort ist eine respektlose Frage, auf die die Dose keine Antwort mehr geben kann. Der Ton bleibt heiter, weil der Wurm kein böser Zerstörer ist, sondern einfach seinem Bedürfnis folgt – und gerade das macht die Relativierung so wirksam.

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