In Goethes Ballade sitzt ein Fischer scheinbar geborgen am Ufer. Das Wasser rauscht und schwillt, die Angel hängt ruhig im Fluss, und die Kühle dringt ihm bis ans Herz. Doch aus dieser stillen Szene bricht etwas auf: Die Flut teilt sich, und ein „feuchtes Weib“ steigt empor. Was wie ein Volkslied beginnt, wird zu einem gefährlichen Zwiegespräch – und endet mit dem Verschwinden des Menschen. Die Nixe fragt den Fischer, warum er ihre „Brut“ mit „Menschenwitz und Menschenlist“ in die tödliche Luft ziehe; im Wasser dagegen sei das Fischlein „wohlig auf dem Grund“, und erst dort unten würde der Mensch „gesund“. Ihr Gesang steigert sich zu einer Kette von Spiegelbildern: Sonne und Mond laben sich im Meer, das Gesicht kehrt „wellenathmend doppelt schöner“ zurück, der Himmel erscheint als „feucht verklärtes Blau“. Am Ende netzt das Wasser den nackten Fuß, das Herz wächst vor Sehnsucht, und die letzte Zeile hält die Ambivalenz fest: „Halb zog sie ihn, halb sank er hin, / Und ward nicht mehr gesehn.“
Das zentrale Thema ist die Auflösung der Grenze zwischen Mensch und Element. Der Fischer will Fische fangen und wird selbst gefangen; seine Angel und seine Kühle bedeuten wenig gegen die Stimme aus der Tiefe. Goethes Ballade macht den Tod im Wasser nicht einfach zum Unglück, sondern zu einer Verheißung von Heilung und Vereinigung. Das Wasser erscheint als Element, das lockt, spiegelt und verschlingt – aber auch als Ort, an dem der Mensch „erst gesund“ würde. Dahinter steht eine erotische Sehnsucht: Der Ruf der Nixe wirkt wie der Gruß einer Liebsten, und der Fischer sinkt nicht nur durch ihre Kraft, sondern auch durch eigenes Begehren.
Die Form ist liedhaft und von großer Klarheit. Vier Strophen mit je acht Versen wechseln zwischen drei- und vierhebigen Zeilen; die Kreuzreime erzeugen einen fließenden, fast beschwörenden Rhythmus. Der Eingang „Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll“ wird in der letzten Strophe fast wörtlich wiederholt, sodass sich der Anfang als Ende spiegelt. Die vielen s-Laute und dunklen Vokale lassen das Wasser hörbar werden; besonders das Paar „lauscht“ und „rauscht“ verbindet Hören und Rauschen. Schon bevor die Nixe erscheint, ist das Wasser nicht bloß Landschaft, sondern Stimme. Dass der Fischer so ruhig „lauscht“, ist kein Zufall: Die Aufmerksamkeit wird zur Öffnung, durch die das Element eintreten kann.
Auffällig ist der Wechsel von Kälte zu Sehnsucht. Anfangs sitzt er „kühl bis an’s Herz hinan“, also fast unberührt. Im Wasser dagegen verspricht die Nixe Wärme und Ganzheit: „würdest erst gesund“. Die Natur ist hier keine idyllische Kulisse, sondern eine verführerische Macht, die mit rhetorischen Fragen arbeitet. Das Wort „lockt“ durchzieht das Gedicht wie ein Leitmotiv: Der Fischer lockt die Fische mit List, die Nixe lockt ihn mit Schönheit. Die Spiegelbilder von Sonne, Mond und eigenem Angesicht machen den Fluss zu einem narzisstischen Raum – wer hineinsieht, erkennt sich und verliert sich zugleich. „Ew’gen Tau“ klingt wie ein Versprechen von Dauer, meint aber das nasse Grab.
Die zweite und dritte Strophe gehören ganz der Rede der Wasserfrau. Der Erzähler tritt zurück, es gibt kein moralisches Urteil, keinen Kommentar nach dem Verschwinden. Gerade dadurch wirkt das Ende so unheimlich: „Da war’s um ihn geschehn“ ist eine kurze, beinahe lakonische Wende. Der letzte Vers macht die Schuldfrage unmöglich. Halb zieht sie ihn, halb sinkt er – sie ist Subjekt, er ist Subjekt. Das Wasser und der Fischer handeln gemeinsam; der Untergang ist ebenso Verführung wie Hingabe. In dieser Mehrdeutigkeit liegt die Modernität des Gedichts. Es erklärt nichts, sondern lässt den Leser mit der Frage zurück, ob der Fischer ertrunken oder nach Hause gekommen ist.