Goethe spricht in der Ich-Form zu einem fernen geliebten Menschen. In den Erscheinungen der Natur – im Glanz der Sonne auf dem Meer, im Flimmern des Mondes in Quellen, im aufsteigenden Staub eines fernen Weges, ja sogar im Zittern eines Wanderers auf nächtlichem Steg – begegnet dem Sprecher überall der Gedanke an den anderen. Aus dem anfänglichen „Ich denke dein“ wird ein „Ich sehe dich“ und „Ich höre dich“, bis schließlich die Gewissheit steht: „Ich bin bei dir, du seyst auch noch so ferne.“ Die Sehnsucht hebt die Entfernung scheinbar auf; die Welt wird zum Spiegel des geliebten Menschen. Der Schluss aber kippt diese Nähe in Wehmut: Die Sonne sinkt, Sterne treten hervor, und der Ausruf „O wärst du da!“ lässt die Trennung schmerzlich spürbar werden. So verbindet das Gedicht innige Verbundenheit mit stiller Klage, in einer schlichten, fast liedhaften Sprache.
Nähe des Geliebten — Zusammenfassung
Ich denke dein, wenn mir der Sonne Schimmer Vom Meere strahlt; Ich denke dein, wenn sich des Mondes Flimmer In Quellen mahlt.
Ich sehe dich, wenn auf dem fernen Wege Der Staub sich hebt; In tiefer Nacht, wenn auf dem schmalen Stege Der Wandrer bebt.
Ich höre dich, wenn dort mit dumpfem Rauschen Die Welle steigt. Im stillen Haine geh’ ich oft zu lauschen, Wenn alles schweigt.
Ich bin bei dir, du seyst auch noch so ferne, Du bist mir nah! Die Sonne sinkt, bald leuchten mir die Sterne. O wärst du da!