Ein Sprecher fragt einen anderen, ob er das hohe Schloß am Meer gesehen habe, und malt es sich als leuchtenden Märchenort aus: goldene und rosige Wolken, spiegelklare Flut, Festgesang, ein Königspaar mit Kronen und eine strahlende Jungfrau. Der Angesprochene bestätigt den Anblick, doch seine Wirklichkeit ist still und düster. Wind und Wellen ruhen, aus der Halle dringt ein Klagelied, und von der Jungfrau fehlt jede Spur. Die Eltern erscheinen ohne Kronen, in schwarzer Trauerkleidung. Der Glanz des Schlosses bleibt nur in der Vorstellung des Fragenden; was der andere gesehen hat, ist ein Ort des Verlusts. Dadurch entsteht eine melancholische, fast gespenstische Stimmung: Hinter dem schönen Bild verbirgt sich Trauer um ein abwesendes, wohl verstorbenes Kind.
Das Schloß am Meere — Zusammenfassung
Hast du das Schloß gesehen, Das hohe Schloß am Meer? Golden und rosig wehen Die Wolken drüber her.
Es möchte sich niederneigen In die spiegelklare Flut; Es möchte streben und steigen In der Abendwolken Glut.
„Wohl hab’ ich es gesehen, Das hohe Schloß am Meer, Und den Mond darüber stehen, Und Nebel weit umher.“
Der Wind und des Meeres Wallen Gaben sie frischen Klang? Vernahmst du aus hohen Hallen Saiten und Festgesang?
„Die Winde, die Wogen alle Lagen in tiefer Ruh, Einem Klagelied aus der Halle Hört’ ich mit Thränen zu.“
Sahest du oben gehen Den König und sein Gemahl? Der rothen Mäntel Wehen? Der goldnen Kronen Stral?
Führten sie nicht mit Wonne Eine schöne Jungfrau dar, Herrlich wie eine Sonne, Stralend im goldnen Haar?
„Wohl sah ich die Eltern beide, Ohne der Kronen Licht, Im schwarzen Trauerkleide; Die Jungfrau sah ich nicht.“