Empfangen und genähret vom Weibe wunderbar – mit dieser passivischen Doppelformel beginnt ein Lebenslauf, der in siebzehn Verse gefasst ist. Matthias Claudius entwirft in «Der Mensch» kein einzelnes Schicksal, sondern das allgemeine Treiben eines Menschenlebens: geboren werden, wahrnehmen, begehren, weinen, glauben, zweifeln, bauen, zerstören, schlafen, wachen, wachsen, verfallen. Das zentrale Bild ist eine Kette von Gegensätzen, die den Menschen als ein Wesen zeigt, das kaum zur Ruhe kommt. Von der ersten Zeile an klingt zugleich das Ende mit: Was empfangen und genährt wird, wird auch wieder vergehen.
Die Form unterstützt diesen Sog. Fast alle Verse sind kurz und tragen drei Hebungen; sie wirken gleichmäßig, beinahe monoton wie ein fortlaufender Takt. Auffällig ist die Reimbewegung: Die ungeraden Zeilen enden auf -et – genähret, höret, begehret, verehret, lehret, zerstöret, zehret –, die geraden meist auf -ar oder -ahr wie wunderbar, wahr, dar, Gefahr, immerdar, Jahr. Dadurch entsteht ein Echo, das immer dieselben zwei Klänge wiederholt, während die Verben das Geschehen unaufhörlich vorantreiben. Erst gegen Ende durchbricht der Paarreim «zehret / währet» die Reihe und leitet über zu den letzten Zeilen, die mit «nieder / wieder» einen Schlusspunkt setzen.
Auch die Wortwahl arbeitet mit Widersprüchen. Der Mensch kommt «vom Weibe wunderbar» – die Geburt ist ein Geheimnis, das Claudius nicht erklärt, sondern nur mit dem Adjektiv «wunderbar» andeutet. Doch gleich darauf heißt es: «Und nimmt des Trugs nicht wahr.» Der Mensch sieht und hört, aber er durchschaut die Welt nicht. Er «bringt sein Thränlein dar» – die Verkleinerungsform macht das Weinen klein und rührend, als gehöre es zur frühesten Lebenserfahrung. Später verbindet die Zeile «Verachtet und verehret» zwei soziale Extreme; der Mensch erfährt beides, Ablehnung und Anerkennung. Besonders dicht ist die Fügung «Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret, / Hält Nichts und Alles wahr.» Hier zeigt sich die intellektuelle Zerrissenheit: Der Mensch glaubt und zweifelt zugleich, er meint und belehrt andere, er hält bald gar nichts, bald alles für wahr. Sein Erkennen ist schwankend, er ist in der Welt nicht gesichert. Daneben stehen mit «Erbauet und zerstöret» Schaffen und Vernichten als Grundtätigkeiten, und das Verb «quält sich immerdar» benennt das Leiden als Dauerzustand.
Gegen Ende verdichtet sich der Gedanke an die Vergänglichkeit. «Und alles dieses währet, / Wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.» Die Zahl achtzig klingt an die biblische Klage über die Kürze des Lebens an, doch Claudius lässt es bei dieser nüchternen Feststellung. Dann folgt der Abschied: «Denn legt er sich zu seinen Vätern nieder, / Und er kömmt nimmer wieder.» Das Niederlegen ist ein ruhiges, fast sanftes Bild für den Tod; der Mensch gesellt sich zu den Vorfahren. Aber der Nachsatz ist hart: Es gibt kein Zurück, kein Weiterleben, keinen Trost. Das Gedicht endet mit einer doppelten Verneinung, die den Lebenslauf endgültig schließt.
Gerade diese Schlichtheit macht das Gedicht bedeutsam. Claudius’ Sprache wirkt volksliedhaft und verzichtet auf Pathos, doch sie trifft existenzielle Wahrheiten: Das Leben ist widersprüchlich, rastlos und endlich. In wenigen Zeilen gelingt es, ein ganzes Menschenleben zu verdichten und den Leser mit der Endgültigkeit des Todes zu konfrontieren. Dass Matthias Claudius (1740–1815) als der «Wandsbecker Bote» solche volksnahen Töne pflegte, passt zu diesem Text; wichtiger aber ist, was die Verse selbst leisten: Sie zeigen den Menschen als ein Wesen, das empfängt und zerstört, glaubt und zweifelt – und am Ende nicht wiederkehrt.