In Nikolaus Lenaus «Winternacht» geht ein Sprecher durch eine klirrend kalte, mondbeschienene Winterlandschaft. Die Natur scheint völlig erstarrt und feierlich still; selbst die Fichten neigen sich wie todessehnsüchtig zur Erde. Der Sprecher wünscht sich, diese Ruhe möge auch in sein Inneres dringen – doch sein Herz ist heiß, bewegt und wild. Kaum ist der Wunsch nach Frieden ausgesprochen, bricht die Unruhe wieder hervor: Ein Wolf heult im Wald, Stürme rasen über Schnee und Eis. Diese Bilder spiegeln den inneren Aufruhr des Sprechers. Am Ende fordert er sein Herz auf, die Toten und Qualen auferstehen zu lassen und sie mit den winterlichen Stürmen ziehen zu lassen. So entsteht eine düstere, spannungsvolle Stimmung zwischen äußerer Erstarrung und innerer Leidenschaft, zwischen Todessehnsucht und wildem Schmerz.
Winternacht — Zusammenfassung
Vor Kälte ist die Luft erstarrt, Es kracht der Schnee von meinen Tritten, Es dampft mein Hauch, es klirrt mein Bart; Nur fort, nur immer fortgeschritten!
Wie feierlich die Gegend schweigt! Der Mond bescheint die alten Fichten, Die, sehnsuchtsvoll zum Tod geneigt, Den Zweig zurück zur Erde richten.
Frost! friere mir ins Herz hinein, Tief in das heißbewegte, wilde! Daß einmal Ruh mag drinnen seyn, Wie hier im nächtlichen Gefilde!
Dort heult im tiefen Waldesraum Ein Wolf; – wie’s Kind aufweckt die Mutter, Schreit er die Nacht aus ihrem Traum Und heischt von ihr sein blutig Futter.
Nun brausen über Schnee und Eis Die Winde fort mit tollem Jagen, Als wollten sie sich rennen heiß: Wach auf, o Herz, zu wildem Klagen!
Laß deine Todten auferstehn, Und deiner Qualen dunkle Horden! Und laß sie mit den Stürmen gehn, Dem rauhen Spielgesind aus Norden!