Rilkes acht Zeilen verdichten den Advent zu einem einzigen gespannten Augenblick. Von Menschen ist nicht die Rede, und doch wirkt die Szene wie ein inneres Geschehen: Der Wind treibt im Winterwald die Schneeflocken wie ein Hirt seine Herde, und eine Tanne ahnt, dass sie bald „fromm und lichterheilig“ wird. Advent erscheint hier nicht als Kalenderabschnitt, sondern als Erwartungszustand der Welt selbst – als ein stilles, waches Bereitsein für eine Nacht der Verwandlung.
Schon die erste Zeile setzt mit der Umstellung „Es treibt der Wind im Winterwalde“ eine Bewegung in Gang, die der Wind wie ein unsichtbarer Hirte lenkt. Die Flocken werden zu einer „Flockenheerde“; die alte Schreibung verstärkt den feierlichen, fast biblischen Ton. Aus dem bloßen Schneetreiben wird eine geführte, geordnete Prozession. Inmitten dieser winterlichen Herde steht die Tanne nicht als Ding, sondern als fühlendes Wesen: Sie „ahnt, wie balde / Sie fromm und lichterheilig wird“. Das Verb „ahnt“ ist entscheidend, weil es kein sicheres Wissen nennt, sondern eine dunkle, innere Gewissheit. Das ungewöhnliche Wort „lichterheilig“ verbindet Heiligkeit mit Licht – als würde die Tanne nicht nur fromm, sondern durch Licht geheiligt, vielleicht selbst zu einer Trägerin von Kerzen oder Sternen werden. So deutet sich die Weihnacht an, ohne dass das Gedicht sie beim Namen nennt.
Die zweite Hälfte weitet die Haltung der Tanne zu einer Gebärde aus. Sie „lauscht hinaus“, streckt den „weissen Wegen“ ihre Zweige entgegen und ist „bereit“. Der Gedankenstrich vor „bereit“ legt eine kleine Pause in den Vers, als halte die Tanne den Atem an. Zugleich bleibt sie nicht passiv: Sie „wehrt dem Wind und wächst entgegen / Der einen Nacht der Herrlichkeit“. Diese Verse verbinden Widerstand und Hingabe. Der Wind, der anfangs die Flocken treibt, ist nun eine Kraft, gegen die sich die Tanne behaupten muss, gerade indem sie sich nach der Nacht ausstreckt. „Der einen Nacht“ ist betont: Es geht nicht um irgendeine Nacht, sondern um die eine, einmalige, erwartete Nacht – sprachlich ein Signal für Weihnachten, aber auch für jede Erfahrung, die das Warten durchbricht.
Formal ruht das Gedicht in einem ruhigen, überwiegend jambischen Rhythmus mit vier Hebungen; die Zeilen enden abwechselnd klingend und stumpf. Die Reime kreuzen sich: „Winterwalde“ reimt auf „balde“, „Hirt“ auf „wird“, „Wegen“ auf „entgegen“, „bereit“ auf „Herrlichkeit“. Dadurch bleibt die Strophe liedhaft und zugleich gebändigt. Auffällig ist die Klangverwandtschaft: „Wind im Winterwalde“, „Flockenheerde wie ein Hirt“, „manche Tanne ahnt“, „wehrt dem Wind und wächst entgegen“ – die Alliterationen und weichen Konsonanten verbinden Wind, Wald, Flocke und Tanne zu einem einzigen Gewebe. Der Satz greift über die Zeilen hinaus, besonders am Ende, wo „entgegen“ erst in der folgenden Zeile sein Ziel erhält. So entsteht ein Vorwärtsdrängen, das selbst wie ein Wachsen wirkt.
Die Bedeutung des Gedichts liegt darin, dass es ein religiöses Gefühl ganz in ein Naturbild legt, ohne belehrend zu werden. Die Tanne wird zum Vorbild für eine Haltung, die Advent erst ausmacht: wachsam sein, Widerstand leisten und doch auf das Kommende zugehen. Rilke gelingt es, aus wenigen Worten – „ahnt“, „bereit“, „Herrlichkeit“ – eine Spannung zu formen, die das Gedicht selbst zu einem Advent macht: Es hält den Moment vor der Erfüllung fest, ohne ihn vorwegzunehmen.