Der Lesende — Zusammenfassung

Rainer Maria RilkeContemplative

Ich las schon lang. Seit dieser Nachmittag, mit Regen rauschend, an den Fenstern lag. Vom Winde draußen hörte ich nichts mehr: mein Buch war schwer. Ich sah ihm in die Blätter wie in Mienen, die dunkel werden von Nachdenklichkeit, und um mein Lesen staute sich die Zeit. – Auf einmal sind die Seiten überschienen und statt der bangen Wortverworrenheit steht: Abend, Abend … überall auf ihnen; ich schau noch nicht hinaus, und doch zerreißen die langen Zeilen, und die Worte rollen von ihren Fäden fort wohin sie wollen … Da weiß ich es: über den übervollen glänzenden Gärten sind die Himmel weit; die Sonne hat noch einmal kommen sollen. – Und jetzt wird Sommernacht, soweit man sieht: Zu wenig Gruppen stellt sich das Verstreute, dunkel auf langen Wegen gehn die Leute, und seltsam weit, als ob es mehr bedeute, hört man das Wenige, das noch geschieht.

Und wenn ich jetzt vom Buch die Augen hebe, wird nichts befremdlich sein und alles groß. Dort draußen ist, was ich hier drinnen lebe, und hier und dort ist alles grenzenlos; nur daß ich mich noch mehr damit verwebe, wenn meine Blicke an die Dinge passen und an die ernste Einfachheit der Massen, –

da wächst die Erde über sich hinaus. Den ganzen Himmel scheint sie zu umfassen: der erste Stern ist wie das letzte Haus.

Show the whole poemHide the poem

App Learn Poems

Probiere die App Learn Poems aus

Alles aus dem Website-Trainer und mehr: neue Übungen, Sprachaufnahme und Teilen, Erinnerungen, schnelles Auffrischen.

Ein Lesender sitzt seit dem Nachmittag über einem Buch, während draußen Regen an den Fenstern rauscht. Das Buch ist ihm schwer geworden; die Seiten wirken wie nachdenkliche Gesichter, und die Zeit staut sich um sein stilles Vertiefen. Dann kippt die Wahrnehmung: Die Blätter leuchten auf, das unruhige Wortgewirr tritt zurück, und überall steht „Abend, Abend“. Noch ohne aufzublicken, spürt er, wie draußen weite, glänzende Gärten und ein hoher Himmel sich öffnen und Sommernacht herabsinkt.

Die Stimmung ist still und entgrenzend. Was innen im Lesen erlebt wurde, scheint draußen weiterzugehen; Innen- und Außenwelt werden durchlässig. Wenn der Blick sich endlich hebt, ist nichts mehr fremd, alles wirkt groß und zusammenhängend. Das Schlussbild macht diese Erfahrung sinnlich: Der erste Stern am Himmel wird so vertraut wie das letzte Haus. So erscheint die Welt nach dem Lesen größer, stiller und weiter.

Read also

More by Rainer Maria Rilke

All poems
ContemplativeRainer Maria Rilke

Abend

Der Abend wechselt langsam die Gewänder, die ihm ein Rand von alten Bäumen hält; du schaust: und von dir scheiden sich die Länder, ein himmelfahrendes und eins, das fällt:
ContemplativeRainer Maria Rilke

Der Schwan

Diese Mühsal, durch noch Ungetanes schwer und wie gebunden hinzugehn, gleicht dem ungeschaffnen Gang des Schwanes. Und das Sterben, dieses Nichtmehrfassen
DreamyRainer Maria Rilke

Das Karussell

Mit einem Dach und seinem Schatten dreht sich eine kleine Weile der Bestand von bunten Pferden, alle aus dem Land das lange zögert eh es untergeht.