Rilkes «Herbsttag» spricht als Gebet und Befehl zugleich: Ein Ich wendet sich an einen Herrn, bittet um das Ende des Sommers und verlangt die Reifung der Früchte, bevor es in eine nüchterne, fast prophetische Aussage über menschliche Einsamkeit mündet. Die zentrale Idee liegt im Übergang. Herbst ist hier nicht nur Jahreszeit, sondern eine Schwelle, nach der bestimmte Möglichkeiten unwiderruflich vorbei sind. Das Gedicht verbindet die Fülle der Natur mit der Erfahrung, dass Zeit nicht beliebig verfügbar ist.
Der erste Vers wirkt durch seine kurzen Sätze wie ein gefasster Entschluss: »Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.« Die Worte »sehr groß« vermeiden jedes Pathos und lassen den Sommer dennoch als überwältigende, fast biblische Fülle erscheinen. Die Bitte, den Schatten auf die Sonnenuhren zu legen, macht Zeit räumlich sichtbar: Ein Schatten markiert nicht nur die Stunde, sondern verdunkelt. Auf den »Fluren« sollen Winde losgelassen werden, als ob die Landschaft nach der stillen Reife in Bewegung geriete. Der Doppelpunkt nach »Herr« und die Imperative geben den Versen etwas Rituelles.
Die zweite Strophe bleibt im Befehl, doch sie wird drängender. Sie verlangt von den »letzten Früchten«, voll zu sein, gewährt ihnen noch »zwei südlichere Tage« und will die »letzte Süße in den schweren Wein« jagen. Die sinnlichen Wörter – südlicher, süß, schwer – rufen Wärme, Geschmack und Gewicht auf. Das Enjambement »und jage / die letzte Süße« macht den Schub hörbar, mit dem die Zeit zur Vollendung treibt. Umarmende Reime wie »Tage« und »jage« oder »sein« und »Wein« schließen die Strophe, doch der Inhalt bleibt unter Spannung: Reife erscheint als letzter Auftrag vor dem Ende.
Mit der dritten Strophe wechselt die Tonart. Statt zu bitten oder zu befehlen, stellt das Gedicht fest; die Anapher »Wer jetzt ...« wirkt wie ein Gesetz. Wer kein Haus hat, baut sich keines mehr; wer allein ist, wird es lange bleiben. Das ist hart, aber nicht anklagend. Es beschreibt Zeitfenster, die sich schließen. Die Bewegung der Einsamkeit wird sinnlich ausgemalt: »wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben / und wird in den Alleen hin und her / unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.« Das wiederholte »wird« und das Enjambement über die Versgrenze erzeugen einen rastlosen Rhythmus, als liefe jemand ziellos auf und ab. Die fallenden Blätter spiegeln das Ende, das im Sommer bereits angelegt war.
Auffällig ist die ungleiche Strophenform: drei, vier und fünf Verse. Die erste Strophe wird von den Reimwörtern »groß« und »los« umklammert; in der letzten Strophe erweitert sich der Reim und endet mit »treiben«, sodass kein beruhigter Abschluss entsteht. Diese ungleiche Form gehört zur Aussage: Der Herbst vollendet und löst zugleich auf.
Die Bedeutung des Gedichts liegt in der Überblendung von Naturbild und Existenz. Es kommt im letzten Teil ohne ein ausdrückliches Ich aus, spricht verallgemeinernd und gewinnt dadurch sprichwörtliche Kraft. Herbst wird zum Bild für Reife und Verlust in einem: Die Früchte sollen süß und schwer werden, aber Erfüllung kostet den Abschied. Der angesprochene »Herr« gibt dem Text einen religiösen, beinahe alttestamentlichen Rahmen, ohne dass er zur Predigt wird. Gerade weil die Sprache knapp und bildhaft bleibt, entsteht mit wenigen Gesten der Eindruck einer ganzen Lebenssituation. Darin zeigt sich, warum der Text im Gedächtnis bleibt: Er verwandelt eine Jahreszeit in ein Bild für die knappe, unwiederholbare Zeit.