Rilkes «Kindheit» folgt einem Kind durch Szenen, die eng beieinanderliegen: drückende Schullangeweile, dann das befreite Draußen mit sprühenden Straßen, Fontänen und weiten Gärten. Doch auch hier bleibt das Kind in seinem kleinen Kleid anders als die anderen, beobachtet Männer, Frauen, fremde Kinder, Häuser und Hunde; Schrecken und Vertrauen wechseln lautlos. Die Sprache macht diese Gefühle schwer und zugleich durchlässig: Trauer ohne Sinn, Traum, Grauen, Tiefe ohne Grund. Beim Spiel mit Ball, Ring und Reifen verblasst der Garten, abends führt der Heimweg steif und fest an der Hand zurück.
Am Teich mit dem kleinen Segelschiff kippt die Erinnerung ins Rätselhafte: Andere, schönere Segel ziehen vorbei, und ein bleiches Gesicht scheint aus dem Wasser zu sinken. Die Kindheit wird damit zu einer Zeit, in der Begreifen und Vergleichen immer wieder entgleiten. Die Schlussfragen «Wohin? Wohin?» lassen offen, wohin diese Welt verschwindet – und erzeugen eine wehmütige, beklemmende Stimmung zwischen Weite, Einsamkeit und Verlust.