Kindheit — Gedichtanalyse

Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen. O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen … Und dann hinaus: die Straßen sprühn und klingen und auf den Plätzen die Fontänen springen und in den Gärten wird die Welt so weit. – Und durch das alles gehn im kleinen Kleid ganz anders als die andern gehn und gingen –: O wunderliche Zeit, o Zeitverbringen, o Einsamkeit.

Und in das alles fern hinauszuschauen: Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen und Kinder, welche anders sind und bunt; und da ein Haus und dann und wann ein Hund und Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen –: O Trauer ohne Sinn, o Traum, o Grauen, o Tiefe ohne Grund.

Und so zu spielen: Ball und Ring und Reifen in einem Garten, welcher sanft verblaßt, und manchmal die Erwachsenen zu streifen blind und verwildert in des Haschens Hast, aber am Abend still, mit kleinen steifen Schritten nach Haus zu gehn, fest angefaßt –: O immer mehr entweichendes Begreifen, o Angst, o Last.

Und stundenlang am großen grauen Teiche mit einem kleinen Segelschiff zu knien; es zu vergessen, weil noch andre gleiche und schönere Segel durch die Ringe ziehn, und denken müssen an das kleine bleiche Gesicht, das sinkend aus dem Teiche schien – O Kindheit, o entgleitende Vergleiche. Wohin? Wohin?

Show the whole poemHide the poem

App Learn Poems

Probiere die App Learn Poems aus

Alles aus dem Website-Trainer und mehr: neue Übungen, Sprachaufnahme und Teilen, Erinnerungen, schnelles Auffrischen.

Der 1875 in Prag geborene Rainer Maria Rilke entwirft in «Kindheit» keinen idyllischen Rückblick, sondern einen Zustand, in dem sich äußere Welt und inneres Empfinden auf beunruhigende Weise verschieben. Schon der erste Vers macht die Schule zu einem Raum, in dem Angst und Zeit zusammenfließen: „Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit / mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.“ Das Verb „rinnt“ gibt der Zeit etwas Fließendes, zugleich quälend Langsames; die „dumpfen Dinge“ haben keine klaren Konturen. Das lyrische Ich spricht nicht einfach über Kindheit, sondern ruft sie an: „O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen.“ Diese Ausrufe setzen sich durch den ganzen Text fort und geben ihm den Ton einer halb klagenden, halb beschwörenden Litanei.

Im ersten Teil steht dem bedrückenden Innenraum der Schule ein Außenraum voller Bewegung gegenüber: Straßen „sprühn und klingen“, Fontänen „springen“, Gärten weiten sich. Doch das Kind geht „im kleinen Kleid“ durch diese Welt „ganz anders als die andern gehn und gingen“. Es bleibt fremd, ein Beobachter, der nicht in das glänzende Geschehen eintaucht. Genau diese Distanz prägt auch den zweiten Abschnitt: „fern hinauszuschauen“ auf Männer und Frauen und auf Kinder, die „anders sind und bunt“. Die Aufzählung „Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen“ klingt nicht malerisch, sondern stockend, beinahe kataloghaft. Was das Kind sieht, ist nicht idyllisch, sondern schwankt unberechenbar: „Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen“. Die Gefühle haben keinen erkennbaren Grund, die Trauer ist „ohne Sinn“, die „Tiefe ohne Grund“ – ein Abgrund, der sich unter der Kindheit öffnet.

Auch das Spiel wird bei Rilke nicht zu einem unschuldigen Vergnügen. „Ball und Ring und Reifen“ stecken einen Garten ab, der „sanft verblaßt“, als verlöre die Welt schon während des Spielens an Festigkeit. Das Umherlaufen wirkt „blind und verwildert in des Haschens Hast“; die harte Alliteration des h zeigt, wie erregt und ziellos diese Bewegung ist. Abends dagegen gibt es „kleine steife Schritte“ und ein „fest angefaßt“; das Kind wird an der Hand geführt, körperlich gehalten und doch innerlich nicht erreicht. An dieser Stelle treten die Schlüsselworte des Gedichts hervor: „O immer mehr entweichendes Begreifen, / o Angst, o Last.“ Was Kindheit ausmacht, ist für Rilke gerade das Nichtverstehen, das Entgleiten von Sinn, nicht die allmähliche Aneignung der Welt.

Die letzte Strophe verdichtet diese Erfahrung in einem Bild: Stundenlang kniet das Kind „am großen grauen Teiche“ mit einem kleinen Segelschiff. Es vergisst das eigene Spielzeug, weil andere Segel „gleiche und schönere“ durch die Ringe ziehen – es vergleicht, es möchte anderswo sein, es verliert sich an das, was ihm entgeht. Dann taucht aus dem Teich „das kleine bleiche / Gesicht“, das „sinkend“ erscheint. Das ist kein bloßer Schrecken, sondern fast eine Todesahnung oder die Begegnung mit dem eigenen Spiegelbild, das wieder verschwindet. Am Ende ruft das Ich: „O Kindheit, o entgleitende Vergleiche. / Wohin? Wohin?“ Kindheit selbst wird hier zu einer Reihe von sich auflösenden Vergleichen, und die Frage „Wohin?“ bleibt ohne Antwort.

Formal tragen die ungleich langen Strophen und die unregelmäßige Reimfigur diese Stimmung mit: Reime auf „Zeit“ und „Einsamkeit“, auf „klingen“, „springen“ und „Zeitverbringen“ verbinden sich zu einem langen, schwebenden Klang; die vielen mit „und“ angereihten Satzteile lassen die Verse fließen, ohne wirklich anzukommen. Der betonte Ausruf „O“ wirkt wie ein Atemholen, mit dem das Ich das Unsagbare der Kindheit anzusprechen versucht. Rilkes Gedicht ist bedeutsam, weil es das Kind nicht verklärt, sondern als Menschen in einer unheimlichen Zwischenwelt zeigt, in der Angst, Zauber, Fremdheit und ein entgleitendes Verstehen unauflösbar ineinander liegen.

Read also

More by Rainer Maria Rilke

All poems
ContemplativeRainer Maria Rilke

Herbst

Die Blätter fallen, fallen wie von weit, als welkten in den Himmeln ferne Gärten; sie fallen mit verneinender Gebärde. Und in den Nächten fällt die schwere Erde
InspiredRainer Maria Rilke

Spanische Tänzerin

Wie in der Hand ein Schwefelzündholz, weiß, eh es zur Flamme kommt, nach allen Seiten zuckende Zungen streckt —: beginnt im Kreis naher Beschauer hastig, hell und heiß
ContemplativeRainer Maria Rilke

Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh, hinter den Blütendolden, die ein Blau nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.