Der 1875 in Prag geborene Rainer Maria Rilke entwirft in «Kindheit» keinen idyllischen Rückblick, sondern einen Zustand, in dem sich äußere Welt und inneres Empfinden auf beunruhigende Weise verschieben. Schon der erste Vers macht die Schule zu einem Raum, in dem Angst und Zeit zusammenfließen: „Da rinnt der Schule lange Angst und Zeit / mit Warten hin, mit lauter dumpfen Dingen.“ Das Verb „rinnt“ gibt der Zeit etwas Fließendes, zugleich quälend Langsames; die „dumpfen Dinge“ haben keine klaren Konturen. Das lyrische Ich spricht nicht einfach über Kindheit, sondern ruft sie an: „O Einsamkeit, o schweres Zeitverbringen.“ Diese Ausrufe setzen sich durch den ganzen Text fort und geben ihm den Ton einer halb klagenden, halb beschwörenden Litanei.
Im ersten Teil steht dem bedrückenden Innenraum der Schule ein Außenraum voller Bewegung gegenüber: Straßen „sprühn und klingen“, Fontänen „springen“, Gärten weiten sich. Doch das Kind geht „im kleinen Kleid“ durch diese Welt „ganz anders als die andern gehn und gingen“. Es bleibt fremd, ein Beobachter, der nicht in das glänzende Geschehen eintaucht. Genau diese Distanz prägt auch den zweiten Abschnitt: „fern hinauszuschauen“ auf Männer und Frauen und auf Kinder, die „anders sind und bunt“. Die Aufzählung „Männer und Frauen; Männer, Männer, Frauen“ klingt nicht malerisch, sondern stockend, beinahe kataloghaft. Was das Kind sieht, ist nicht idyllisch, sondern schwankt unberechenbar: „Schrecken lautlos wechselnd mit Vertrauen“. Die Gefühle haben keinen erkennbaren Grund, die Trauer ist „ohne Sinn“, die „Tiefe ohne Grund“ – ein Abgrund, der sich unter der Kindheit öffnet.
Auch das Spiel wird bei Rilke nicht zu einem unschuldigen Vergnügen. „Ball und Ring und Reifen“ stecken einen Garten ab, der „sanft verblaßt“, als verlöre die Welt schon während des Spielens an Festigkeit. Das Umherlaufen wirkt „blind und verwildert in des Haschens Hast“; die harte Alliteration des h zeigt, wie erregt und ziellos diese Bewegung ist. Abends dagegen gibt es „kleine steife Schritte“ und ein „fest angefaßt“; das Kind wird an der Hand geführt, körperlich gehalten und doch innerlich nicht erreicht. An dieser Stelle treten die Schlüsselworte des Gedichts hervor: „O immer mehr entweichendes Begreifen, / o Angst, o Last.“ Was Kindheit ausmacht, ist für Rilke gerade das Nichtverstehen, das Entgleiten von Sinn, nicht die allmähliche Aneignung der Welt.
Die letzte Strophe verdichtet diese Erfahrung in einem Bild: Stundenlang kniet das Kind „am großen grauen Teiche“ mit einem kleinen Segelschiff. Es vergisst das eigene Spielzeug, weil andere Segel „gleiche und schönere“ durch die Ringe ziehen – es vergleicht, es möchte anderswo sein, es verliert sich an das, was ihm entgeht. Dann taucht aus dem Teich „das kleine bleiche / Gesicht“, das „sinkend“ erscheint. Das ist kein bloßer Schrecken, sondern fast eine Todesahnung oder die Begegnung mit dem eigenen Spiegelbild, das wieder verschwindet. Am Ende ruft das Ich: „O Kindheit, o entgleitende Vergleiche. / Wohin? Wohin?“ Kindheit selbst wird hier zu einer Reihe von sich auflösenden Vergleichen, und die Frage „Wohin?“ bleibt ohne Antwort.
Formal tragen die ungleich langen Strophen und die unregelmäßige Reimfigur diese Stimmung mit: Reime auf „Zeit“ und „Einsamkeit“, auf „klingen“, „springen“ und „Zeitverbringen“ verbinden sich zu einem langen, schwebenden Klang; die vielen mit „und“ angereihten Satzteile lassen die Verse fließen, ohne wirklich anzukommen. Der betonte Ausruf „O“ wirkt wie ein Atemholen, mit dem das Ich das Unsagbare der Kindheit anzusprechen versucht. Rilkes Gedicht ist bedeutsam, weil es das Kind nicht verklärt, sondern als Menschen in einer unheimlichen Zwischenwelt zeigt, in der Angst, Zauber, Fremdheit und ein entgleitendes Verstehen unauflösbar ineinander liegen.