«Wie soll ich meine Seele halten» – schon die erste Frage führt mitten in ein unlösbares Problem. Das Ich möchte die eigene Seele so festhalten, dass sie die geliebte Seele nicht berührt, und wünscht sich, sie bei „irgendwas / Verlorenem im Dunkel“ unterzubringen, an einer „fremden stillen Stelle“, die nicht mitschwingt, wenn die Tiefen des Du schwingen. In diesen ersten sieben Versen sucht das Gedicht also einen Ort ohne Resonanz, eine Art Dämmerzone, in der das eigene Gefühl stillgelegt wäre. Das Wort „unterbringen“ klingt dabei fast wie das Verstauen eines Gegenstands; gerade darin zeigt sich die Vergeblichkeit, denn eine Seele lässt sich nicht ablegen.
Doch mit „Doch“ kippt die Bewegung. Alles, was die beiden anrührt, nimmt sie zusammen „wie ein Bogenstrich, / der aus zwei Saiten eine Stimme zieht“. Aus dem Wunsch nach Trennung wird die Einsicht in eine unentrinnbare Verbundenheit: Zwei Saiten, auf ein gemeinsames Instrument gespannt, ergeben von demselben Bogen gestrichen nur einen Ton. Liebe erscheint hier nicht als Gefühl, das man besitzt oder entscheidet, sondern als akustisches Gesetz. Wer liebt, ist bereits mit dem anderen gestimmt; jede Berührung bringt beide zum Klingen. Aus dem anfangs erwähnten „Schwingen“ der Tiefen wird so ein musikalisches Bild: Was die Seele des einen bewegt, versetzt unweigerlich auch die des anderen in Schwingung.
Die Form unterstützt diese Bewegung. Das Gedicht besteht aus dreizehn Versen und gliedert sich in zwei ungleiche Hälften: sieben Verse für Frage und Ausweichbewegung, sechs für die Erkenntnis. Die Verse sind überwiegend fünfhebig und werden immer wieder durch Zeilensprünge zerrissen: „daß / sie nicht an deine rührt“, „Wie soll ich sie / hinheben über dich“. Solche Brüche machen das Halten und Loslassen auch im Satz spürbar. Die Reime wirken im ersten Teil suchend – „Dingen“, „unterbringen“, „schwingen“ bilden einen lockeren Klangraum –, während im zweiten Teil mit „mich“ / „Bogenstrich“ und „gespannt“ / „Hand“ Paare entstehen. Die Sprache scheint selbst zusammenzufinden, was der Inhalt als Einheit behauptet.
Auffällig ist, wie das anfängliche „halten“ am Ende in ein anderes Bild mündet: Die Frage ist nicht mehr, ob das Ich seine Seele halten kann, sondern „Auf welches Instrument sind wir gespannt? / Und welcher Spieler hat uns in der Hand?“ Aus der aktiven Suche wird ein passives Gehaltenwerden. Das Wort „rührt“ kehrt in „alles, was uns anrührt“ wieder und gewinnt dabei eine tiefere Bedeutung: Es meint nicht nur berühren, sondern auch ergreifen. Entscheidend ist das Ende: „O süßes Lied.“ Diese Anrede gilt nicht nur dem Gesang der Liebenden, sondern auch dem Gedicht selbst. Das „süße Lied“ ist das Ergebnis jener unfreiwilligen Verbindung – eine Schönheit, die gerade daraus entsteht, dass das Ich nicht allein bleiben kann.
Gerade darin liegt die Bedeutung des Textes. Rilkes «Liebes-Lied» beschreibt Liebe nicht als Besitz oder Verschmelzung im romantischen Sinne, sondern als Resonanz, als ein Gespanntsein ohne Kontrolle über den Spieler. Wer das Instrument oder den Spieler ist, bleibt offen; die Fragen stehen unbeantwortet im Raum. So wird aus dem anfänglichen Trennungswunsch ein Einverständnis mit der eigenen Klanglichkeit. Das Gedicht feiert die Liebe nicht, es macht sie hörbar – in einem Ton, der aus zwei Saiten entsteht, ohne dass die Saiten aufhören, zwei zu sein.