In Rilkes «Liebes-Lied» versucht das Ich, die eigene Seele vor der Nähe des geliebten Menschen zu bewahren. Es möchte sie zu anderen Dingen hinwegheben, irgendwo im Dunkel verbergen – an einem stillen Ort, der nicht mitschwingt, wenn die Tiefen des anderen schwingen. Doch der Wunsch nach Trennung scheitert. Alles, was beide berührt, fasst sie zusammen wie ein Bogenstrich, der aus zwei Saiten eine einzige Stimme zieht. Das Bild ist zugleich musikalisch und schicksalhaft: Auf welches Instrument sind die Liebenden gespannt, welcher Spieler hält sie in der Hand? Am Ende bleibt diese Frage offen, aber der Ton ist nicht bitter, sondern staunend und hingegeben.
Es ist ein Sprechen aus der Verstrickung heraus: Wer liebt, kann das eigene Innere nicht sauber getrennt halten, die Grenzen verschwimmen, und das Ich wird Teil eines größeren Klangs. Gerade darin liegt das Süße, das der Schluss anspricht – nicht im Besitz, sondern im gemeinsamen Schwingen.