Ein steinerner Brunnen wird in Rilkes Sonett zu einem stillen Schauspiel des Übergangs. Der Titel versetzt nach Rom, der „alte runde Marmorrand“ klingt nach Barock, nach steinernen Wasserspielen und städtischer Brunnenkunst. Zwei Becken, eines das andere „übersteigend“, tauschen Wasser und Spiegelung aus: Das obere neigt sich hinab zu dem Wasser, das unten „wartend stand“. Es gibt kein lyrisches Ich, kein Ereignis, keinen Ausruf. Stattdessen folgt der Blick den Bewegungen des Wassers, und gerade dadurch wird aus dem Bauwerk etwas, das an Kunst erinnert.
Die Form ist die eines Sonetts: vierzehn Verse, meist fünf Hebungen, klare Reime, viele Enjambements. In der Oktave kehren Reimsilben wie -and (Marmorrand, stand, Hand, Gegenstand) und -eigend (übersteigend, neigend, entgegenschweigend, zeigend) kunstvoll wieder. Diese Partizipien halten das Geschehen in der Schwebe; nichts wird als abgeschlossene Handlung erzählt. Der Satz windet sich von Zeile zu Zeile, und ein Hauptverb, das alles abschlösse, fehlt. So ahmt die Sprache nach, was sie beschreibt: Bewegung, die nie ankommt und deshalb ganz gegenwärtig bleibt. Auch die Verse fließen über die Zeilengrenzen hinweg wie Wasser über einen Rand.
Auch die Bildlichkeit lebt vom Fließen und Spiegeln. Das obere Wasser „redet leise“, das untere antwortet mit Schweigen, das durch das ungewöhnliche Wort „entgegenschweigend“ selbst zu einer Bewegung wird. Sehr schön ist die Geste der „hohlen Hand“: Das Becken zeigt dem unteren Wasser den Himmel nicht als offenes Blau, sondern heimlich „hinter Grün und Dunkel … wie einen unbekannten Gegenstand“. Damit wird die Spiegelung zur vertrauten Gabe, die etwas zurückhält. Der Brunnen erklärt den Himmel nicht; er hält ihn in einer hohlen Hand, als wäre er ein rätselhaftes Ding. Dieses Zeigen, nicht Deuten, ist einer der Schlüssel des Gedichts.
Im zweiten Teil, dem Sextett, beruhigt sich die Bewegung. Das Wasser breitet sich „in der schönen Schale“ aus, „ohne Heimweh, Kreis aus Kreis“. Dieses „ohne Heimweh“ ist zentral: Es verneint jede romantische Sehnsucht nach Weite, nach Meer oder Entgrenzung. Der Brunnen genügt sich selbst. Nur manchmal sinken Tropfen „träumerisch und tropfenweis“ an den Moosbehängen hinab zum „letzten Spiegel“, der sein Becken „von unten lächeln macht mit Übergängen“. Das Wort „tropfenweis“ verlangsamt den Vers fast hörbar; man meint, das einzelne Herabgleiten zu sehen. Das Lächeln ist dabei keine menschliche Regung, sondern ein Licht- und Wasserphänomen: Die Oberfläche bewegt sich kaum, und darin liegt ihre Schönheit. Aus Übergängen, also aus dem Wechsel zwischen oben und unten, Reden und Schweigen, Licht und Dunkel, entsteht hier der ganze Reiz.
Rilke veröffentlichte das Gedicht 1907 in den „Neuen Gedichten“. In dieser Sammlung suchte er eine sachlichere, genauere Kunst: Dinge sollten nicht mehr bloß Gefühle auslösen, sondern in ihrer eigenen Wirklichkeit sichtbar werden. Deshalb ist die „Römische Fontäne“ bedeutend: Sie macht aus einem Brunnen nicht einfach ein Symbol für Seele oder Zeit, sondern spricht ihn als Ding nach – mit dem Wasserfall der Verse, den klingenden Reimen und dem Bild einer Form, die gibt, ohne sich zu verlieren.