Theodor Storms Gedicht «Von Katzen» erzählt mit heiterer Ironie, wie ein vermeintlich barmherziger Mensch zum Opfer seiner eigenen Gutmütigkeit wird. Der Sprecher berichtet, wie seine Katze an einem Maitag sechs allerliebste Junge wirft, die Köchin aber fünf davon ertränken will. Er greift heimlich ein, rettet die Kätzchen und preist seine Menschlichkeit. Ein Jahr später hat sich die Katzenfamilie auf sieben erwachsene Tiere vermehrt, jede bringt wiederum sieben Junge zur Welt – das Haus ist mit sechsundfünfzig Katzen überfüllt, und der Sprecher steht ratlos vor der Frage, wie er seine vielgerühmte Menschlichkeit nun bewahren soll. Die zentrale Idee ist die Ironie des moralischen Selbstlobs: Gut gemeinte Empörung kann sich in ein unlösbares häusliches Chaos verwandeln.
Formal ist das Gedicht in reimlosen fünfhebigen Jamben gehalten, einem Blankvers, der sonst oft für ernste oder feierliche Stoffe verwendet wird. Dieser ruhige, beinahe würdige Ton steht in komischem Widerspruch zum banalen Katzenelend. Enjambements wie „Die lieben Kätzchen, / Sie wuchsen auf“ treiben die Erzählung voran und verstärken den Eindruck einer unaufhaltsamen Vermehrung. Auch die drei großen Abschnitte des Gedichts – Rettung im Mai, nächtliches Kätzchenkonzert, katastrophale Vermehrung im nächsten Jahr – bauen eine Steigerung auf, die in der abschließenden Ratlosigkeit gipfelt.
Die Bildsprache lebt von Diminutiven: „Kätzchen“, „Schwänzchen“, „Wochenbettchen“, „Stimmchen“ erzeugen zunächst eine niedliche, fast idyllische Atmosphäre. Doch genau diese Verniedlichungen werden mit der Zeit ironisch, weil aus den allerliebsten kleinen Wesen eine unkontrollierbare Plage wird. Auch Adjektive wie „allerliebste“ und „zierlich“ kontrastieren scharf mit Verben wie „ertränken“ und „ermorden“ sowie mit den Ausdrücken „verruchte Weib“ und „blinde Wuth“ für die Köchin. Auffällig ist die räumliche Ausweitung: Das ganze Haus, „vom Keller bis zum Giebel“, wird zu einem einzigen „Wochenbettchen“, und der Gipfel der Komik ist erreicht, wenn die alte Katze ausgerechnet im jungfräulichen Bett der Köchin liegt. Diese Wortwahl macht die Empörung der Köchin zugleich verständlich und lächerlich.
Das Leitwort des Gedichts ist „Menschlichkeit“. Zuerst spricht der Sprecher der Köchin diese Eigenschaft ab: „Menschlichkeit wächst nicht in einer Küche.“ Dann segnet er sich selbst: „der Himmel segne / Mir meine Menschlichkeit!“ Am Ende ruft er verzweifelt: „O Menschlichkeit, wie soll ich dich bewahren!“ Diese dreifache Nennung markiert die Ironie: Der Erzähler hält sich für moralisch überlegen, muss aber einsehen, dass seine unbedachte Güte ein praktisches Desaster hervorgebracht hat. Besonders deutlich wird die Selbstgefälligkeit in dem Satz „Ich pries mich selbst und meine Menschlichkeit“, der den Sprecher fast ungewollt entlarvt. Die Zahlen unterstreichen die Absurdität: Aus sechs Maikätzchen und ihrer Mutter werden nach einem Jahr sieben Katzen, die zusammen neunundvierzig Junge werfen – insgesamt sechsundfünfzig Tiere.
Die Bedeutung des Gedichts liegt in dieser humorvollen Entlarvung sentimentaler Selbstgerechtigkeit. Storm, ein Meister des poetischen Realismus, zeigt an einem häuslichen Vorfall, dass Mitleid ohne Voraussicht in die Sackgasse führen kann. Das Gedicht lebt von der Spannung zwischen moralischem Anspruch und alltäglicher Wirklichkeit. Gerade weil der Ton so gelassen bleibt, wirkt die komische Katastrophe umso überzeugender – ein zeitloses Beispiel dafür, dass gute Absichten nicht immer gute Folgen haben.