Annette von Droste-Hülshoff stammte aus dem westfälischen Landadel, und die Moorlandschaft ihrer Heimat war ihr vertraut. In der Ballade «Der Knabe im Moor» erzählt sie von einem Kind, das allein durchs Moor läuft. Der eigentliche Schauplatz ist dabei nicht nur die nebelige Fläche, sondern auch die innere Welt des Knaben: Seine Angst belebt die Natur, und die Natur schlägt als Angst auf ihn zurück. Das Moor wird zum Seelenraum, in dem Sage, Schuld und kindliche Furcht zusammenkommen.
Sechs gleich gebaute Strophen halten den gehetzten Lauf zusammen. Das wiederkehrende Reimschema und der drängende Rhythmus erzeugen einen Sog, als höre man die schnellen Schritte des Kindes. Die erste und letzte Strophe rahmen das Geschehen mit dem Ausruf «O, schaurig ist’s, übers Moor zu gehn». Dazwischen machen Lautwörter das Moor hörbar: Es «zischt und singt», das Röhricht «knistert», weiter heißt es «rieselt und knittert». Kurze Reimpaare wirken wie Keuchen oder Aufschreie; Ausrufe wie «Hu, hu» und «Weh, weh» fahren dazwischen, als riefen Stimmen aus dem Nebel. Das Kind hält die Fibel umklammert, als wäre das kleine Buch ein Schutzzeichen gegen die unheimliche Welt. Alles scheint in Bewegung zu sein; der Knabe rennt, «als ob man es jage», sein Schrecken treibt die Szene voran.
Die Bilder zeigen eine Natur, die greift und droht. Nebelschwaden drehen sich wie «Phantome», die Ranke «häkelt» am Strauch, «unheimlich nicket die Föhre», Halme ragen «wie Speere» auf. Aus dieser Landschaft steigen Gestalten empor: der «gespenstige Gräberknecht», die «unselige Spinnerin», der «diebische Fiedler Knauf» und «die verdammte Margret». Sie sind keine beliebigen Schreckfiguren; jede verbindet sich mit einem Vergehen – der Knecht vertrinkt die besten Torfe, der Fiedler stiehlt den Hochzeitsheller, Margret ruft um ihre arme Seele. Das Moor erscheint dadurch als ein Ort der Verlorenen, als ein offenes Fegefeuer. Der Knabe scheint diese Geschichten zu kennen; seine Angst wirkt erlernt, nicht bloß eingebildet. Sie kommt aus den Warnungen und Sagen der Dorfwelt. Der Nebel erhält so ein Gedächtnis, das bis in die Namen der Geister hineinreicht.
Gegen diese dunkle Welt stehen zwei Kräfte: die Fibel und der Schutzengel. In der fünften Strophe ist es der Engel, der den Jungen vor dem Tod im Moor bewahrt. In der letzten Strophe verdichtet sich die Rettung zu einem einzigen Bild: «Die Lampe flimmert so heimathlich». Das Wort «heimathlich» bildet den Gegenpol zum «unheimlich» der Föhre. Am Rand des Moors, an der «Scheide», steht der Junge und atmet auf, blickt aber noch immer zurück. Der Schrecken ist durchquert, nicht verschwunden. Deshalb endet die Ballade nicht in völligem Frieden, sondern mit dem Echo: «O, schaurig war’s in der Haide!»
Die Bedeutung des Gedichts liegt darin, wie genau Naturbeobachtung und Geisterangst miteinander verwoben sind. Droste-Hülshoff nennt den «Haiderauch», die «Quellchen» und das «Röhricht» so präzise, dass das Unheimliche daraus hervorzuwachsen scheint. Außen und Innen lassen sich kaum noch trennen: Was der Knabe sieht, ist zugleich das, was er fürchtet. Dadurch wird die Ballade zu einem frühen und eindrucksvollen Beispiel für die Gestaltung von Landschaft als Spiegel der Seele – und zu einem Text, dessen Rhythmus noch lange nachklingt wie der Wind über dem Moor.