Frank Wedekinds Gedicht «Brigitte B.» wirkt wie ein schaurig-komischer Bänkelsang. Es erzählt die Geschichte eines jungen Ladenmädchens, das nach Baden kommt, eine Stelle findet und „gut angeschrieben“ ist – ein Geschäftsausdruck, der hier schon ironisch schillert: Ihr Ruf ist ihr Kapital. Eines Abends schickt die Chefin sie mit einem Paket zur Baronin vor der Stadt. Unterwegs tritt ihr ein „Individium“ entgegen und droht, sich umzubringen, wenn sie ihm nicht zu Willen sei. Brigitte, „völlig unerfahren“, gibt sich „aus Mitleid“ hin; der Mann nimmt die Ware und verschwindet. Was die Madam daraufhin „begreiflich findet“, ist allein, dass das Mädchen sich hat „verführen lassen“. Dass aber die „Turnüre“ für die Baronin gestohlen wurde, „das schnüre / Das Herz ihr ab“. Diese Verschiebung ist der satirische Kern: Der gestohlene Modegegenstand wiegt schwerer als die sexuelle Erpressung.
Die Geschichte wiederholt sich mit fast mechanischer Folgerichtigkeit. Brigitte gelobt, „gewiß nicht mehr so dumm“ zu sein, schläft aber „den Abend wieder / Bei ihrem Individium“. Das „wieder“ macht aus dem Einzelfall ein Muster, aus Naivität eine Abhängigkeit. Als die Herrschaft „um Pfingsten / Ausflog mit dem Gesangverein“, lädt sie den Mann „ohne die geringsten / Bedenken“ ins Haus. Ausgerechnet das bürgerliche Vergnügen öffnet dem Dieb die Tür. Er lässt sich „alles zeigen“, den Schreibtisch und den Kassenschrank, macht sich die Papiere „zu eigen“ und „zollt ihr nicht mal mehr den Dank“. Die Enjambements über das Strophenende hinweg treiben die Handlung voran und erzeugen ein ironisches Stolpern: Der Vers fällt über die Zeilengrenze, wie Brigitte ins Unglück stolpert.
Die Form unterstreicht den Widerspruch. Vierzeilige Strophen mit Kreuzreim und ein regelmäßiger, fast singsanghafter Rhythmus geben dem Text den Ton einer Moritat, jener auf Jahrmärkten gesungenen Schauergeschichte. Wörter wie „Baden“ und „Laden“ binden die Strophen auf leichte, eingängige Weise; doch was da so glatt gereimt wird, ist eine Kette von Demütigungen. Auffällig ist auch das Wort „Individium“ statt „Individuum“: Es klingt halbgebildet und abschätzig und macht den Mann nicht zu einer Person, sondern zu einem Typus – dem Verführer und Dieb. „Madam“ und „Herrschaft“ markieren soziale Distanz; Brigitte hat zwar einen Vornamen, aber der Nachname ist zum Buchstaben „B.“ verkürzt, ein bürokratisches Kürzel, als wäre sie ein Fall in einer Akte. Am Ende heißt es, man habe sie „vorgestern“ gefangen, „es läßt sich nicht erzählen wo“; der Täter sei „gestern ebenso“ ergangen. Diese alltagsnahen Zeitangaben verstärken das Ungeheuerliche: Verführung, Diebstahl und Verhaftung folgen einander wie Termine.
In der letzten Strophe kippt der Ton endgültig ins Groteske: „Ach Gott! Mein Gott! / Dideldideldumda“. Der fromme Ausruf mündet in ein nonsenshaftes Trällern, als hätte die Gesellschaft aus dem Skandal bereits ein Gassenlied gemacht. Gerade dadurch wirkt das Gedicht als Kritik an bürgerlicher Doppelmoral: Nicht Brigittes „Fehltritt“ ist das eigentliche Vergehen, sondern die Kälte ihrer Umgebung. Die Dame empört sich über die gestohlene Turnüre, nicht über die sexuelle Erpressung. Der Mann stiehlt erst die Ware, dann die Papiere, und Brigitte bleibt jedes Mal als Betrogene und Beschuldigte zurück. Das Gedicht zeigt eine junge Frau, die zwischen Mitleid, Naivität und Wiederholung hin- und hergerissen ist – und eine Gesellschaft, die sie dabei allein lässt und ihre Geschichte als Gassenhauer konsumiert.