Auf einer Wiese sitzt ein Hase und glaubt, niemand sehe ihn – doch schon in der nächsten Zeile widerlegt Christian Morgensterns achtzeiliges Gedicht «Vice versa» diese Annahme. Ein Mensch mit einem Zeiß-Fernglas betrachtet von einem gegenüberliegenden Berg aus den kleinen „Löffelzwerg“, und dieser Mensch wird wiederum von einem Gott gesehen. Was als heitere Tierszene beginnt, entfaltet sich zu einer Kette von Blicken, in der jeder Beobachter zugleich ein Beobachteter ist.
Die acht Zeilen sind in vier Reimpaare gegliedert: „Wiese/diese“, „Zeißes/Fleißes“, „Berg/Zwerg“ und „hinwiederum/stumm“. Der Rhythmus ist ein leichter, meist vierhebiger Jambus; er verleiht dem Gedicht einen fast singspielartigen, scherzhaften Ton. Gerade dieser Ton steht in reizvollem Kontrast zur philosophischen Tiefe des Inhalts. Das erste Reimpaar hält die Selbsttäuschung des Hasen fest, das zweite und dritte entfalten die menschliche Beobachtung, das letzte öffnet den Blick in eine göttliche Ferne.
Die Wortwahl macht aus der scheinbar einfachen Szene ein kleines ironisches Kunststück. Der Hase wird „Löffelzwerg“ genannt – ein fantasievolles Kompositum, das die langen Löffelohren des Tiers aufgreift und es zugleich zu einer märchenhaften Miniaturgestalt schrumpfen lässt. „Zeiß“ ist keine beliebige Umschreibung für ein Fernglas, sondern ein Markenname; die Wendung „im Besitze eines Zeißes“ klingt beinahe feierlich und ironisiert den Stolz des Menschen auf sein technisches Gerät. Auch „voll gehaltnen Fleißes“ wirkt wie eine amtliche Formulierung: Der Beobachter geht mit ernster Sorgfalt vor, als sei das Beobachten eines Hasen eine bedeutende Aufgabe. Das fremdsprachige „vis-à-vis“ bringt einen Hauch von weltmännischer Eleganz in die ländliche Szene und unterstreicht zugleich die symmetrische Gegenüberstellung von Berg und Wiese. Sogar das Pronomen „diese“ am Ende der zweiten Zeile ist auffällig: Es bezieht sich grammatisch auf die Wiese, als fürchte der Hase vor allem, dass sein Aufenthaltsort entdeckt wird – eine kleine sprachliche Verschiebung, die den komischen Grundton verstärkt.
Der Titel «Vice versa» kündigt die eigentliche Pointe an: Was der Mensch mit dem Hasen tut, geschieht mit ihm selbst. Der Mensch fühlt sich als überlegener Beobachter, doch aus der Ferne ruht ein göttlicher Blick auf ihm. In den letzten beiden Zeilen wechselt der Tonfall. War die Sprache zuvor ironisch und verspielt, wird sie nun still und ernst: „mild und stumm“. Der Gott erscheint nicht als Richter oder Überwacher, sondern als sanfter, schweigender Zeuge. Das Wort „hinwiederum“ greift die Idee der Umkehrung auf und lässt den Menschen selbst zum kleinen Gegenstand einer höheren Betrachtung werden. Der dunkle u-Klang im Schlussreim „hinwiederum/stumm“ lässt die letzte Aussage nachklingen wie ein fernes Echo.
Das Gedicht ist typisch für Christian Morgenstern (1871–1914), der für seine sprachspielerischen, oft skurrilen und zugleich tiefsinnigen Verse bekannt ist. Seine Kunst liegt darin, mit wenigen, präzise gesetzten Wörtern eine ganze Hierarchie des Sehens und Gesehenwerdens zu entwerfen. Der Hase glaubt, verborgen zu sein; der Mensch glaubt, ungestört beobachten zu können; beide werden durch eine größere Perspektive widerlegt. Niemand ist nur Beobachter – der eigene Blick fällt selbst in einen umfassenderen Blick.