Ein Sprecher beobachtet Möwen, die in unermüdlich gleichen Bahnen einen Felsen umkreisen. Zugleich sieht er ihr Spiegelbild im klaren grünen Meer: Die Flügel in der Tiefe bewegen sich so vollkommen wie die in der Luft, dass Trug und Wahrheit ununterscheidbar werden. Diese doppelte, allzu verwandte Erscheinung beschleicht ihn allmählich wie ein Grauen. Am Strand verharrend fragt er sich, ob er selbst wirklich beflügelt ist oder nur gemalt und abgespiegelt, ob er mit Fabeldingen im Kreis gaukelt oder Blut in den Schwingen hat. Aus einer ruhigen Naturschilderung wird so eine beklemmende Selbstbefragung. Der Glanz und die Klarheit des Wassers wirken dabei nicht beruhigend, sondern fast gespenstisch: Sie lassen die Grenze zwischen Schein und Wesen verschwimmen. Zurück bleibt eine schwebende, unheimliche Stimmung, in der das Ich seine eigene Wirklichkeit nicht mehr sicher fassen kann.
Möwenflug — Zusammenfassung
Möwen sah um einen Felsen kreisen Ich in unermüdlich gleichen Gleisen, Auf gespannter Schwinge schweben bleibend, Eine schimmernd weiße Bahn beschreibend, Und zugleich im grünen Meeresspiegel Sah ich um dieselben Felsenspitzen Eine helle Jagd gestreckter Flügel Unermüdlich durch die Tiefe blitzen. Und der Spiegel hatte solche Klarheit, Daß sich anders nicht die Flügel hoben Tief im Meer, als hoch in Lüften oben, Daß sich völlig glichen Trug und Wahrheit.
Allgemach beschlich es mich wie Grauen, Schein und Wesen so verwandt zu schauen, Und ich fragte mich, am Strand verharrend, Ins gespenstische Geflatter starrend: Und du selber? Bist du ächt beflügelt? Oder nur gemalt und abgespiegelt? Gaukelst du im Kreis mit Fabeldingen? Oder hast du Blut in deinen Schwingen?