Ein feuchter Waldweg, zwei Menschen im Nebel, ein Abschied – in Conrad Ferdinand Meyers «Stapfen» beginnt diese Szene als zurückhaltende Erinnerung. Der Sprecher hat einst eine junge Frau, „du“, die als Gast im Nachbarhaus wohnt, durch ein Gehölz begleitet. Ihr Gespräch kreist um eine Reise; sie zieht die Kapuze vor, verbirgt die Stirn und spricht davon, dass eine längere Fahrt noch folgen werde – ein Satz, der wie beiläufig die künftige Trennung vorwegnimmt. Schon hier ist alles halb verhüllt: Der Nebel rieselt, das Gesicht bleibt verdeckt, die Trennung wird „klug“ überspielt. Das Gedicht handelt von dieser Ungreifbarkeit. Es zeigt, wie nach dem Abschied einzig die Fußspuren im nassen Waldboden als sichtbare Nähe zurückbleiben – und wie selbst diese Spuren im Regen schwinden.
Formal verzichtet der Text auf Reime; er fließt in reimlosen jambischen Fünfhebern. Der Verzicht auf Reim gibt der Sprache einen verhaltenen, fast prosaischen Gestus, der die leise Trauer nicht feierlich überhöht. Die langen, oft über das Zeilenende hinausgehenden Sätze lassen die Erinnerung wie einen Weg erscheinen, dem der Sprecher Schritt für Schritt nachgeht. Der Rhythmus ist getragen, beinahe schreitend: „Naß ward der Pfad. Die Sohlen prägten sich / Dem feuchten Waldesboden deutlich ein, / Die wandernden.“ Das nachgestellte „Die wandernden“ macht die Füße fast zu eigenen Wesen; der Satz hält einen Moment inne, als betrachte er den Abdruck selbst. Wörter wie „Stapfen“, „Sohlen“, „Umriß“ und „Spuren“ verankern das Unheimliche im Materiellen. Die Spur ist Abdruck, Umriss, beinahe eine Schrift im Boden.
Die eigentliche Wendung geschieht auf dem Rückweg. Während der Sprecher „desselben Pfad gemach zurück“ geht, entdeckt er die Spuren erneut und liest in ihnen das Wesen der anderen: „wandernd, reisehaft, / Schlank, rein, walddunkel, aber o wie süß!“ In der paradoxen Verbindung „walddunkel, aber o wie süß“ verdichtet sich der Ton: Die Frau ist scheu und dunkel wie der Wald, zugleich lieblich in der Erinnerung. Aus den Stapfen ersteht sie dem Sprecher vor dem „innern Auge“ – nicht als festes Bild, sondern als „Traumgestalt“. „Aus deinen Stapfen hobst du dich empor / Vor meinem innern Auge.“ Diese Verse machen die Spur zum Ausgangspunkt einer imaginativen Auferstehung; die Erinnerung gewinnt für einen Augenblick einen Körper.
Doch diese Erscheinung ist flüchtig. Der Regen fällt stärker, die Stapfen werden „undeutlicher“, „vom Regen halb gelöscht“. Mit der Spur verschwindet auch die wiederbelebte Nähe; den Sprecher überkommt „eine Traurigkeit“. Der Schluss macht aus dem Verlust eine doppelte Figur: „Fast unter meinem Blick verwischten sich / Die Spuren deines letzten Gangs mit mir.“ „Gang“ bedeutet hier zugleich den gemeinsamen Weg und die eingedrückte Spur. Während das Ich zusieht, löscht die Zeit den letzten sichtbaren Beweis der Begegnung. Gerade darin liegt die Bedeutung des Gedichts: Es hält kein fertiges Andenken fest, sondern den Vorgang des Verschwindens. Erinnerung erscheint als etwas an materielle Zeichen Gebundenes, das sich im Regen verflüchtigt. Und der Text selbst bewahrt, was er schildert – die halb gelöschte Spur und die Trauer an ihrem Rand. Meyers Verse sind eine präzise, beinahe bildhafte Studie über Nähe, Abschied und die fragile Dauer von Spuren.