„Ein Lied“ setzt mit einem Bild ein, das den Schmerz nach innen verlagert: Hinter den Augen der Sprecherin stehen Wasser, die sie alle weinen muss. Der Titel verspricht ein Lied, doch es ist kein heiteres; es ist ein Klagelied, das von einer ungeheuren inneren Fülle an Tränen spricht. Das Wasser hinter den Augen ist nicht sichtbar, aber es drängt nach außen – eine Trauer, die nicht mehr zurückgehalten werden kann.
Sofort darauf folgt der Gegenimpuls: Immer möchte das Ich auffliegen, mit den Zugvögeln fort. Die Zugvögel sind ein zentrales Bild für Freiheit, für die Möglichkeit, den Ort des Schmerzes zu verlassen und einem natürlichen Rhythmus zu folgen. Das Wort „Buntatmen“ ist eine kühne Wortschöpfung: Es verbindet Farbe und Atem, als ließe sich die Luft selbst farbig einatmen, als wäre die Ferne nicht grau, sondern lebendig. Die große Luft öffnet den engen Raum des Weinens ins Weite. Doch dieser Aufschwung bleibt Wunsch, kein vollzogener Flug.
Die dritte Strophe benennt die Trauer direkt: „O ich bin so traurig“ – der Ausruf mit den Gedankenstrichen wirkt wie ein Ausatmen oder ein Abbruch. Das Gesicht im Mond weiß es. Der Mond wird zum stillen Zeugen, der die Trauer kennt, ohne dass Worte nötig sind. Dadurch bekommt das Gefühl eine kosmische Dimension: Es ist nicht nur ein privater Schmerz, sondern etwas, das selbst der Himmelskörper wahrnimmt. Zugleich entsteht eine intime Verbindung zwischen dem Ich und der Nacht.
Die folgenden Zeilen wenden sich ins Andächtige: „Drum ist viel sammtne Andacht / Und nahender Frühmorgen um mich.“ Das Wort „sammtne“ ist ungewöhnlich; es macht die Andacht weich, fast tastbar wie Samt. Der nahende Frühmorgen deutet an, dass nach der Nacht etwas Neues kommen könnte. Andacht und Morgen sind wie ein schützender Raum um das verletzte Ich.
Erst in der sechsten Strophe wird die Ursache des Schmerzes sichtbar: „Als an deinem steinernen Herzen / Meine Flügel brachen“. Hier tritt ein Du auf, ein Gegenüber mit einem steinernen Herzen. Das ist ein altes Bild für Gefühlskälte, für eine Liebe, die nicht erwidert oder verletzend war. An diesem Herzen zerbrachen die Flügel – die Fähigkeit zu fliegen, die Sehnsucht, wurde beschädigt. Die Metapher der Flügel verbindet das Ich mit den Zugvögeln: Auch das Ich ist ein Vogelwesen, aber eines, das nicht mehr fliegen kann.
Unmittelbar darauf folgt ein ergreifendes Naturbild: Amseln fallen wie Trauerrosen hoch vom blauen Gebüsch. Die Amseln, sonst fröhliche Singvögel, werden zu fallenden Rosen der Trauer. Die Farbe Blau des Gebüschs ist fast unwirklich, ein expressionistischer Farbklang. Das Fallen der Amseln spiegelt den inneren Absturz; die Natur trauert mit.
Doch das Gedicht endet nicht in der Starre. Alles verhaltene Gezwitscher will wieder jubeln. Das zurückgehaltene Singen drängt nach Ausdruck. Der Schluss wiederholt fast wörtlich den Anfangswunsch: „Und ich möchte auffliegen / Mit den Zugvögeln fort.“ Diese Wiederholung gibt dem Gedicht eine Kreisbewegung, aber keine Auflösung. Der Wunsch bleibt offen, doch er ist jetzt nicht mehr nur ein einsamer Impuls, sondern eingebettet in das allgemeine Gezwitscher, das wieder jubeln will. Die Natur selbst scheint sich zu erneuern.
Formal besteht das Gedicht aus freien Versen ohne festen Reim, aber in paarigen Strophen. Dadurch entsteht ein Rhythmus wie von Flügelschlägen – zwei Zeilen, die zusammengehören, dann eine Pause. Die Sprache ist einfach, aber durch Wortneuschöpfungen wie „Buntatmen“ und „sammtne“ von großer sinnlicher Dichte. Else Lasker-Schüler, eine der wichtigsten expressionistischen Lyrikerinnen, verbindet hier persönlichen Schmerz mit kosmischen und natürlichen Bildern. Das macht das Gedicht bedeutsam: Es zeigt, wie Trauer und Sehnsucht sich nicht ausschließen, sondern ineinander wirken. Der Schmerz wird nicht verleugnet, aber der Drang zum Fliegen, zur Höhe, bleibt bestehen – als eine Kraft, die das Ich immer wieder aufrichtet.