Hölderlin spricht die Parzen, die Schicksalsgöttinnen, direkt an und bittet sie nur um einen Sommer und einen Herbst. In dieser Zeit will er seinen Gesang zur Reife bringen; danach ist er bereit zu sterben. Der Ton ist feierlich und ernst, aber nicht verzweifelt. Im Zentrum steht die Vorstellung, dass die Seele keine Ruhe findet, wenn ihr im Leben das „göttlich Recht“ verwehrt blieb. Für den Sprecher bedeutet dieses Recht, das heilige Gedicht zu vollenden, das ihm am Herzen liegt. Gelingt ihm das, nimmt er den Tod, die „Stille der Schattenwelt“, willkommen an. Auch wenn sein Saitenspiel ihn nicht in die Unterwelt begleitet, ist er zufrieden. Er braucht keinen Nachruhm und kein Fortleben durch die Kunst; es genügt, einmal wie die Götter gelebt zu haben. So entsteht eine ruhige, fast erlöste Stimmung: Der Tod verliert seinen Schrecken, wenn das dichterische Werk vollbracht ist.
An die Parzen — Zusammenfassung
Nur Einen Sommer gönnt, ihr Gewaltigen! Und einen Herbst zu reifem Gesange mir, Daß williger mein Herz, vom süssen Spiele gesättiget, dann mir sterbe.
Die Seele, der im Leben ihr göttlich Recht Nicht ward, sie ruht auch drunten im Orkus nicht; Doch ist mir einst das Heil'ge, das am Herzen mir liegt, das Gedicht gelungen;
Willkommen dann, o Stille der Schattenwelt! Zufrieden bin ich, wenn auch mein Saitenspiel Mich nicht hinabgeleitet; Einmal Lebt' ich, wie Götter, und mehr bedarfs nicht.