Der Titel klingt wie ein altes Motiv aus Volkslied oder Legende: In einem Thal bey armen Hirten erscheint jedes Jahr mit dem ersten Lerchengesang ein Mädchen, schön und wunderbar. Sie ist nicht in dem Tal geboren, niemand weiß, woher sie kommt, und kaum hat sie Abschied genommen, ist ihre Spur verloren. Was sich zunächst wie ein rätselhaftes Ereignis liest, wird in den folgenden Strophen zum Sinnbild. Das Mädchen bringt Blumen und Früchte mit, die auf einer andern Flur, in einem andern Sonnenlichte und in einer glücklichern Natur gereift sind. Am Ende erhält jeder eine Gabe – der Jüngling ebenso wie der Greis am Stabe –, und einem liebenden Paar reicht sie der Blumen allerschönste dar. Die Fremde verkörpert das Schöne oder die Poesie selbst: Sie tritt aus einer vollkommeneren Welt in den Alltag, beschenkt die Menschen und bleibt doch unverfügbar.
Die Form trägt diesen schwebenden Charakter. Sechs gleich gebaute vierzeilige Strophen fließen in Kreuzreimen dahin; die Verse schwingen in vier Hebungen, oft mit wechselnden Kadenzen. Wenn auf die weichere Fügung „Hirten“ der knappe Reim „Jahr“ folgt, entsteht ein ruhiges Gleichmaß, das an die jährliche Wiederkehr der Erscheinung erinnert. Auch der Schauplatz bleibt bewusst archaisch: ein Tal, arme Hirten, aufsteigende Lerchen, ein Stab. Namen, Orte und historische Zeit fehlen. Dadurch gewinnt das Geschehen eine zeitlose, beinahe parabelhafte Atmosphäre.
Die eigentliche Spannung liegt zwischen Nähe und Distanz. „Beseligend war ihre Nähe / Und alle Herzen wurden weit“ – die Anwesenheit der Fremden weitet die Menschen innerlich. Doch sogleich folgt die Einschränkung: „Doch eine Würde, eine Höhe / Entfernte die Vertraulichkeit.“ Die Substantive Würde und Höhe stehen wie unsichtbare Schranken; das Mädchen schenkt, ohne vertraulich zu werden. Auch die Herkunft der Gaben wird dreifach als anders markiert: andere Flur, anderes Sonnenlicht, glücklichere Natur. Das dreimalige „andern“ bzw. „andere“ verstärkt die Ferne, der Komparativ „glücklicher“ deutet auf eine Überlegenheit, die nicht bloß verschieden, sondern vollkommener ist.
Friedrich Schiller, einer der zentralen Dichter der Weimarer Klassik, entwirft hier keine persönliche Anekdote, sondern eine allegorische Szene. Das Mädchen erscheint „mit jedem jungen Jahr“, also wiederkehrend wie der Frühling, und verschwindet ebenso schnell, wie es gekommen ist. Genau darin gleicht es der Erfahrung von Kunst und Schönheit: Sie lässt sich nicht festhalten oder besitzen. Wer ihre Spur verfolgen will, verliert sie; wer sich beschenken lässt, dem weitet sie das Herz. Dass das liebende Paar die schönste Blume erhält, ist mehr als eine rührende Schlusswendung. Die Liebe erscheint hier als die höchste Empfänglichkeit, als Haltung, in der Hingabe und Steigerung zusammenfallen.
Das Gedicht ist bedeutend, weil es in wenigen Strophen eine ganze Ästhetik verdichtet: Das Schöne ist keine Ware, kein Besitz und kein vertrauter Gast, sondern eine Gabe aus einer glücklicheren Natur. Es macht die Menschen weit, ohne sich mit ihnen gemein zu machen – und es erkennt in der Liebe den Ort, an dem seine schönste Blume aufgehen kann.