Georg Heym beschreibt eine Winterlandschaft, die zugleich starr und unheimlich belebt wirkt. Der Winter ist hier kein bloßer Hintergrund, sondern ein Zustand, der alles durchdringt. Blauer Schnee, ebene Felder, Wegweiser und vier sich kreuzende Straßen bilden eine Szene voller Leere und Ausweglosigkeit. Alles deutet ins Nichts: Die Straßen ziehen nach allen Himmelsrichtungen in die Einsamkeit, die kahlen Bäume wirken wie Bettler, und selbst die roten Vogelbeeren glänzen nur trübe. Ein zurückgelassener Erntekorb wird in der Abendstimmung zu einem weißbärtigen Soldaten, der über Tote wacht – dadurch bekommt die Landschaft etwas Gespenstisches, fast Visionäres. Die Stimmung ist kalt, still und melancholisch; der Beobachter bleibt distanziert und nimmt jedes Detail als Zeichen einer erstarrten, todnahen Welt wahr. Am Ende, wenn der Tag vergeht, färbt das letzte Licht das Eis auf den Straßen rot wie Feuer, ein kurzer beunruhigender Glanz in der winterlichen Blässe.
Der Winter — Zusammenfassung
Der blaue Schnee liegt auf dem ebenen Land, Das Winter dehnt. Und die Wegweiser zeigen Einander mit der ausgestreckten Hand Der Horizonte violettes Schweigen.
Hier treffen sich auf ihrem Weg ins Leere Vier Straßen an. Die niedren Bäume stehen Wie Bettler kahl. Das Rot der Vogelbeere Glänzt wie ihr Auge trübe. Die Chausseen
Verweilen kurz und sprechen aus den Ästen. Dann ziehn sie weiter in die Einsamkeit Gen Nord und Süden und nach Ost und Westen, Wo bleicht der niedere Tag der Winterzeit.
Ein hoher Korb mit rissigem Geflecht Blieb von der Ernte noch im Ackerfeld. Weißbärtig, ein Soldat, der nach Gefecht Und heißem Tag der Toten Wache hält.
Der Schnee wird bleicher, und der Tag vergeht. Der Sonne Atem dampft am Firmament, Davon das Eis, das in den Lachen steht Hinab die Straße rot wie Feuer brennt.