Georg Trakls „Verfall“ führt in eine herbstliche Abendlandschaft, die zunächst friedlich wirkt und sich dann unmerklich in eine Ahnung von Vergänglichkeit verwandelt. Ein Ich folgt dem Flug der Vögel, träumt sich beinahe aus der Zeit hinaus – und wird von einem Hauch des Verfalls in die brüchige Wirklichkeit zurückgeholt.
Formal erinnern die vierzehn Verse an ein Sonett: zwei Vierzeiler, dann zwei Dreizeiler. Die ersten acht Verse sind durch umarmende Reime verflochten, sodass „läuten“ mit „Weiten“, „Flügen“ mit „Pilgerzügen“, „Garten“ mit „Fahrten“ und „Geschicken“ mit „rücken“ antwortet. Dieser getragene, fast litaneiartige Klang passt zu den Glocken, die am Abend Frieden läuten. Im Schlussteil wechselt das Reimschema; nun antworten sich „erzittern“, „Gittern“, „verwittern“ und „Zweigen“, „Todesreigen“, „neigen“ im Wechsel. Die Sprache bekommt dadurch etwas Bohrendes, als würde der Verfall selbst in den Gleichklang eindringen. Die Sätze fließen anfangs über die Versgrenzen hinweg und ahmen dabei das Gleiten der Vögel nach; erst mit dem „Da“ stockt die Bewegung.
Die Bildwelt lebt von einem doppelten Raum: oben und unten, Helle und Dunkelheit, frommer Aufbruch und tödliches Erstarren. Anfangs ziehen die Vögel „lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen“ in „herbstlich klaren Weiten“ dahin. Der Vergleich mit Pilgern verleiht dem Naturschauspiel etwas Religiöses. Der Sprecher wandelt „durch den dämmervollen Garten“, träumt den Vögeln nach und spürt „der Stunden Weiser kaum mehr rücken“: Die Zeit scheint stillzustehen, während das Ich den Vögeln „über Wolken“ folgen will. Der Garten wird zum inneren Zwischenreich, in dem Seele und Natur sich vermischen.
Doch genau in diesem entrückten Zustand bricht die andere Realität ein. Das „Da“ am Beginn des neunten Verses setzt einen scharfen Kontrapunkt: „Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.“ Der Hauch ist kaum mehr als ein Luftzug, aber er trägt die ganze Ahnung von Auflösung in sich. Aus der Weite wird Enge, aus dem Flug ein Klagen: „Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.“ Das Entlaubte widerspricht der vorherigen Klarheit; der rote Wein schwankt an „rostigen Gittern“, ein Bild für eine Kultur und Natur, die gemeinsam altern. Die Schlussverse verdichten das Grauen: „blasser Kinder Todesreigen“ um „dunkle Brunnenränder, die verwittern“, und „im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen“. Die Astern, Blumen des späten Jahres, werden zu Leibern, die sich fröstelnd verneigen; der Brunnenrand zerfällt, das Wasser ist dunkel, der Reigen der Kinder ist ein Todesreigen. Das Lebendige erscheint nur noch als Nachhall.
Was das Gedicht bedeutsam macht, ist diese unheimliche Doppelbewegung. Es feiert nicht einfach den Herbst, und es beklagt nicht nur den Verfall; es zeigt, wie nahe beide Empfindungen beieinanderliegen. Der Aufschwung in den Himmel ist nur die Kehrseite der Todesangst. Diese Wirkung entsteht durch eine Sprache, die das Schöne und das Schaurige in denselben Reim zwingt: „Frieden“ und „Weiten“ gehören dem Abend, doch „erzittern“, „Gittern“, „verwittern“ hämmern die Vergänglichkeit in den Klang. Am Ende bleibt aus einer Abendstimmung ein kleines Weltgericht der Vergänglichkeit – und aus dem lyrischen Ich ein Zeuge, der dem Verfall nicht entkommt.