Heinrich Heines Gedicht entfaltet in nur zwei Strophen einen weit gespannten Gegensatz: Der Tod wird nicht als Ende gedacht, sondern als kühle Nacht nach einem schwülen Tag. Gleich der erste Vers setzt die Metapher ohne Umschweife: „Der Tod das ist die kühle Nacht, / Das Leben ist der schwüle Tag.“ Kein Vergleich, keine Abschwächung – das eine ist das andere. Dadurch erhält der Text die Ruhe einer Feststellung, die keiner Erklärung bedarf. Der Tag hat das Ich „müd’ gemacht“; es dunkelt bereits, und die Müdigkeit wird zur natürlichen Brücke zwischen Leben und Tod. Die Hitze des Lebens wird nicht erklärt oder beklagt, sie steht einfach als Zustand da, der den Körper ausgelaugt hat. Nicht Angst beherrscht die Zeilen, sondern Erschöpfung und die Sehnsucht nach Abkühlung.
Die Bauform unterstreicht diese Stimmung. Beide Strophen bestehen aus vier Versen, wobei jeweils der erste und der letzte Vers reimen: „Nacht“ auf „gemacht“, „Baum“ auf „Traum“. Die mittleren Zeilen bleiben reimlos, was den liedhaften Ton lockert, fast wie ein leise hingesprochenes Volkslied. Die Betonung ist unregelmäßig, mit drei oder vier Hebungen pro Zeile; dadurch wirkt der Rhythmus nicht streng, sondern gleitend, beinahe wie Atemzüge im Halbschlaf. Auffällig ist die dritte Zeile beider Strophen: „Es dunkelt schon, mich schläfert“ und „Sie singt von lauter Liebe“. Sie sind kürzer als die umgebenden Verse und erzeugen eine Pause, ein Innehalten, als sinke die Stimme mit dem Einschlafen ab. Wörter wie „dunkelt“, „schläfert“ und „müd’“ wiederholen dabei, was die Bilder schon sagen: Das Ich bewegt sich an der Schwelle zum Schlaf, und der Schlaf wird zum Ebenbild des Todes.
Auch die Bilder der zweiten Strophe bleiben schlicht und zugleich traumhaft. Über dem Bett des Sprechers erhebt sich ein Baum, in dem eine junge Nachtigall singt. Das Bett ist das eigene Sterbebett, aber es steht nun in einer nächtlichen Landschaft. Der Baum wächst über es hinweg, als sei der Raum zwischen Schlafzimmer und Natur aufgehoben. Das Beiwort „jung“ setzt dabei einen stillen Kontrapunkt zur Müdigkeit des Sprechers: Mitten im Sterben singt das Leben weiter. Die Nachtigall singt nicht von Trauer oder Abschied, sondern „von lauter Liebe“. Das kann heißen: von nichts anderem als Liebe, aber auch: aus lauterer, reiner Liebe. Auf jeden Fall bleibt die Liebe das letzte Geräusch, das den Übergang begleitet. Der Sprecher hört das Lied „sogar im Traum“ – die Liebe reicht also bis in den Tod hinein, oder genauer: bis in jenen Zustand, der wie ein Traum ist und vielleicht nie ganz aufhört. Gerade das kleine Wort „sogar“ setzt einen feinen Doppelklang: Einerseits staunt das Ich, dass das Lied noch da ist; andererseits klingt eine leise Ironie mit, als sei selbst im Tod keine völlige Ruhe vor der Liebe zu finden. Diese Zwischentöne sind für Heines Ton kennzeichnend, große Gefühle nicht ins Pathetische zu treiben.
Bedeutsam wird das Gedicht durch seine Verwandlung des Todes in sinnliche Erfahrung. Statt Jenseits, Gericht oder Erlösung stehen Temperaturen und Laute im Mittelpunkt: die Kühle der Nacht gegen die Schwüle des Tages, der Gesang der Nachtigall gegen die Müdigkeit des Ichs. Der Tod erscheint als willkommene Abkühlung, fast als Trost. Das macht den Text so unmittelbar: Er argumentiert nicht, er behauptet. Man kann die Kühle förmlich spüren, wenn man vom „schwülen Tag“ liest. Zugleich ist die Nacht kein leeres Nichts; sie ist von Leben erfüllt, vom Baum und vom Vogel, vom Gesang und vom Traum. Der Schlaf ist hier keine Flucht vor dem Leben, sondern dessen sanfte Fortsetzung in anderer Tonart. So entsteht ein lyrisches Bild des Sterbens, das ohne Pathos auskommt und gerade deshalb lange nachklingt.