In Heinrich Heines „Die Lotosblume“ wird eine Blume zur schüchternen Liebenden. Vor dem grellen Licht der Sonne fürchtet sie sich und senkt den Kopf; erst nachts, wenn der Mond erscheint, öffnet sie sich. Der Mond wird ihr heimlicher Geliebter: Sein Licht weckt sie, und sie zeigt ihm freundlich ihr frommes Blumengesicht. Dieses „fromm“ gibt der Szene etwas Andächtiges und Stilles. Die letzte Strophe steigert das Gefühl: Die Blume blüht und glüht vor Hingabe, doch zugleich weint und zittert sie. In dieser Mischung aus Liebesglück und Liebesschmerz liegt die Stimmung – zart, sehnsuchtsvoll und ein wenig schwermütig. Die Nacht erscheint als geschützter Raum, in dem die Liebe erblühen kann, während der Tag zu grell und bedrohlich wirkt. So entsteht das Bild einer scheuen, fast andächtigen Liebe, die nur im Verborgenen aufblüht.
Die Lotosblume — Zusammenfassung
Die Lotosblume ängstigt Sich vor der Sonne Pracht, Und mit gesenktem Haupte Erwartet sie träumend die Nacht.
Der Mond, der ist ihr Buhle. Er weckt sie mit seinem Licht’, Und ihm entschleiert sie freundlich Ihr frommes Blumengesicht.
Sie blüht und glüht und leuchtet, Und starret stumm in die Höh’; Sie duftet und weinet und zittert Vor Liebe und Liebesweh’.