Hugo von Hofmannsthal, der österreichische Dichter der Wiener Moderne, fragt in seiner „Ballade des äußeren Lebens“ nach dem Sinn einer Welt, die sich in lauter vergänglichen, beziehungslosen Einzelheiten erschöpft. Schon der Titel ist hintergründig: Eine Ballade erzählt normalerweise eine spannende Handlung, hier aber gibt es keine Geschichte, nur eine Reihe von Bildern und Fragen. Der Widerspruch macht neugierig und zeigt, dass das Äußere selbst zum Gegenstand einer stillen, fast gespenstischen Erzählung wird.
Gleich die erste Strophe setzt den Grundton: „Und Kinder wachsen auf mit tiefen Augen, / Die von nichts wissen, wachsen auf und sterben, / Und alle Menschen gehen ihre Wege.“ Das dreifache „Und“ am Versanfang reiht die Beobachtungen aneinander, als wäre alles nur ein endloses Nacheinander ohne Ursache und Ziel. Kinder, die mit „tiefen Augen“ aufwachsen, könnten noch etwas Geheimnisvolles in sich tragen, doch sie sterben, ohne je etwas zu wissen. Auch Früchte reifen nur, um zu fallen: „Süße Früchte werden aus den herben / Und fallen nachts wie tote Vögel nieder / Und liegen wenig Tage und verderben.“ Der Vergleich mit toten Vögeln macht die Vergänglichkeit greifbar, fast schmerzhaft. Reife ist hier keine Erfüllung, sondern nur der Anfang des Verderbens.
Formal bewegt sich das Gedicht in lockeren Terzinen: Dreizeiler, deren Reime meist über die Strophengrenze greifen („Augen“ – „Wege“ – „herben“ – „sterben“). Diese Kette erzeugt einen ruhigen, aber unaufhaltsamen Fluss, als würde die Zeit selbst durch die Verse ziehen. Der Rhythmus ist fünfhebig-jambisch, wirkt getragen und gleichförmig – passend zu dem monotonen „Immer“ des äußeren Lebens: „Und immer weht der Wind, und immer wieder / Vernehmen wir und reden viele Worte / Und spüren Lust und Müdigkeit der Glieder.“ Viele Worte werden geredet, aber was sie bedeuten, bleibt offen. Lust und Müdigkeit wechseln sich ab, ohne dass jemand fragt, wozu.
In der vierten Strophe verdichtet sich die Kulisse: „Straßen laufen durch das Gras, und Orte / Sind da und dort, voll Fackeln, Bäumen, Teichen, / Und drohende, und totenhaft verdorrte …“ Die Straßen „laufen“ wie Menschen, die Orte sind da und dort verstreut, einige drohend, andere „totenhaft verdorrt“. Das Partizip „totenhaft“ ist ein Schlüsselwort: Es verwandelt die Landschaft in ein Reich des Scheintods. An dieser Stelle bricht die Beschreibung ab, die Punkte am Versende markieren ein Stocken. Der Sprecher hält inne und fragt: „Wozu sind diese aufgebaut? und gleichen / Einander nie? und sind unzählig viele? / Was wechselt Lachen, Weinen und Erbleichen?“ Die Fragen türmen sich auf, bleiben aber ohne Antwort. Genau diese Unbeantwortbarkeit ist das Thema: Das äußere Leben bietet keinen Zweck, keine Ordnung, nur Vielfalt und Wechsel.
Die letzten beiden Strophen ziehen daraus die Konsequenz. „Was frommt das alles uns und diese Spiele, / Die wir doch groß und ewig einsam sind / Und wandernd nimmer suchen irgend Ziele?“ Das Wort „frommt“ klingt altmodisch und feierlich, fast religiös, aber es gibt keine Religion mehr, die Antwort geben könnte. Der Mensch erscheint „groß und ewig einsam“, ein Wanderer ohne Ziel. Dann kehrt der Ton plötzlich um: „Was frommts, dergleichen viel gesehen haben? / Und dennoch sagt der viel, der ‚Abend‘ sagt, / Ein Wort, daraus Tiefsinn und Trauer rinnt / Wie schwerer Honig aus den hohlen Waben.“ Das ist der überraschende Schluss. Zwar bleibt das äußere Leben sinnlos, aber ein einziges Wort – „Abend“ – birgt Tiefsinn und Trauer wie Honig in Waben. Der Vergleich mit schwerem Honig ist betont sinnlich und kostbar: Das Wort gibt dem Sprecher etwas, das die Dinge selbst nicht geben können. Es ist eine Rettung durch Sprache, durch poetische Evokation. Der „Abend“ steht für Übergang, Dunkelheit, Abschied, aber auch für Ruhe und Melancholie – Gefühle, die in dem Wort zusammenschießen und es schwer machen vor Bedeutung.
So wird aus einer Klage über die Sinnlosigkeit des äußeren Lebens ein Bekenntnis zur Macht des dichterischen Wortes. Hofmannsthals Gedicht ist bedeutend, weil es die Sprachskepsis seiner Zeit ernst nimmt und zugleich überwindet: Nicht die Dinge, sondern die Worte tragen den Tiefsinn. Die Form unterstützt das: Die Terzinen fließen regelmäßig, bis sie am Ende aufbrechen und in einem Quartett mit unreinen Reimen enden, als würde die Ordnung des äußeren Lebens zerfallen, während das Wort „Abend“ als letzter, dichter Tropfen zurückbleibt.