Hugo von Hofmannsthals „Erlebnis“ führt an einen Zwischenort, der mit silbergrauem Duft erfüllt ist. Ein lyrisches Ich versinkt in der Dämmerung eines Tales, seine Gedanken verschwimmen mit dem Dunst, und es „verließ das Leben“, ohne dass dieser Übergang als schmerzhaft oder gewaltsam erscheint. Stattdessen öffnet sich eine andere Welt: wunderbare Blumen mit dunkelglühenden Kelchen, ein gelbrotes Licht „wie von Topasen“, ein tiefes Schwellen schwermütiger Musik. Der Tod ist hier nicht Ende, sondern Verwandlung – er wird selbst zu Musik, „gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend, / Verwandt der tiefsten Schwermut.“ Doch gerade in dieser schönen Todeswelt bricht ein „namenloses Heimweh“ auf. Das Gedicht kehrt damit die gewohnte Blickrichtung um: Nicht das Leben blickt sehnsüchtig auf den Tod, sondern aus dem Tod heraus blickt das Ich weinend auf das Leben zurück. In dieser Umkehrung liegt seine eigentümliche Spannung.
Formal ist „Erlebnis“ in reimlosen jambischen Versen gehalten, die einen ruhigen, fließenden Atem erzeugen. Die Zeilen laufen häufig über das Versende hinweg; so entsteht ein Sog, der das Versinken des Ichs nachvollzieht. Schon die ersten Zeilen verbinden Außen und Innen: Der silbergraue Duft des Tales kehrt unmittelbar wieder und lässt die „dämmernden Gedanken“ mit der Landschaft verschwimmen. Die Sprache arbeitet mit übergängen zwischen den Sinnen – Duft wird sichtbar, Licht glüht, Musik schwillt als etwas fast Körperliches. Wörter wie „webend“, „durchsichtig“, „versanken“ und „verschwammen“ lösen feste Konturen auf. Das Ich hat in diesem „webenden, / Durchsichtgen Meere“ keinen festen Stand mehr; es geht in ein Medium über, das zugleich Landschaft, Traum und Todesraum ist.
Auffallend ist, wie der Tod als Wissen ohne Begreifen erscheint: „Und dieses wußt ich, / Obgleich ichs nicht begreife, doch ich wußt es“. Hier spricht kein religiöser Glaube und keine rationale Einsicht, sondern ein sinnliches, unmittelbares Erkennen. Die Musik wird zum eigentlichen Wesen des Todes: sehnsüchtig, süß, dunkelglühend, verwandt der Schwermut. Dieser Tod ist nicht stumm oder leer, sondern von einer übervollen, fast betäubenden Schönheit. Gerade das macht ihn bedeutsam: Er wird nicht moralisch verurteilt und nicht verklärt, sondern als ästhetische Erfahrung ernst genommen.
Mit dem Ausruf „Aber Seltsam!“ kippt die Stimmung. In der Seele weint ein „namenloses Heimweh ... lautlos / ... nach dem Leben“. Der anschließende Vergleich entfaltet eine große Abschiedsszene: Ein Mann fährt auf einem großen Seeschiff mit gelben Riesensegeln an seiner Vaterstadt vorüber. Er sieht die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht den Duft der Fliederbüsche und sieht sich selbst als Kind am Ufer stehen, „mit Kindesaugen, / Die ängstlich sind und weinen wollen“. Durch das offene Fenster fällt Licht in sein Zimmer. Diese Szene blickt nicht nur auf ein vergangenes Leben zurück, sondern verdoppelt den Blick: Der Sterbende sieht sich selbst als Kind, das zurückbleibt und weinen will. Das Leben erscheint als eine Stadt, die man nicht mehr betreten kann; das Schiff gleitet „lautlos“ weiter, mit „gelben, fremdgeformten Riesensegeln“. Die Fremdheit der Segel zeigt, dass dieser Fahrt nicht zu steuern ist. Der Gedankenstrich nach dem erleuchteten Fenster öffnet eine Leerstelle, ehe die letzte Bewegung das Schiff unaufhaltsam weiterträgt.
Das Gedicht macht den Tod nicht zum Gegensatz des Lebens, sondern zu einem Zustand, in dem das Leben erst als unwiederbringliche, sinnliche Welt sichtbar wird. Der Duft des Flieders, das Rauschen der Brunnen, das Licht am Fenster gewinnen ihre Intensität gerade dadurch, dass sie von außen, vom vorübergleitenden Schiff aus wahrgenommen werden. Die Trauer liegt nicht im Sterben selbst, sondern darin, dass man das Leben erst im Moment des Verlusts als Heimat erkennt.