Erlebnis — Zusammenfassung

Mit silbergrauem Dufte war das Tal Der Dämmerung erfüllt, wie wenn der Mond Durch Wolken sickert. Doch es war nicht Nacht. Mit silbergrauem Duft des dunklen Tales Verschwammen meine dämmernden Gedanken, Und still versank ich in dem webenden, Durchsichtgen Meere und verließ das Leben. Wie wunderbare Blumen waren da, Mit Kelchen dunkelglühend! Pflanzendickicht, Durch das ein gelbrot Licht wie von Topasen In warmen Strömen drang und glomm. Das Ganze War angefüllt mit einem tiefen Schwellen Schwermütiger Musik. Und dieses wußt ich, Obgleich ichs nicht begreife, doch ich wußt es: Das ist der Tod. Der ist Musik geworden, Gewaltig sehnend, süß und dunkelglühend, Verwandt der tiefsten Schwermut. Aber Seltsam! Ein namenloses Heimweh weinte lautlos In meiner Seele nach dem Leben, weinte, Wie einer weint, wenn er auf großem Seeschiff Mit gelben Riesensegeln gegen Abend Auf dunkelblauem Wasser an der Stadt, Der Vaterstadt, vorüberfährt. Da sieht er Die Gassen, hört die Brunnen rauschen, riecht Den Duft der Fliederbüsche, sieht sich selber, Ein Kind, am Ufer stehn, mit Kindesaugen, Die ängstlich sind und weinen wollen, sieht Durchs offne Fenster Licht in seinem Zimmer -

Das große Seeschiff aber trägt ihn weiter, Auf dunkelblauem Wasser lautlos gleitend Mit gelben, fremdgeformten Riesensegeln.

Show the whole poemHide the poem

App Learn Poems

Probiere die App Learn Poems aus

Alles aus dem Website-Trainer und mehr: neue Übungen, Sprachaufnahme und Teilen, Erinnerungen, schnelles Auffrischen.

Ein dämmriges Tal, silbergrauer Duft – der Sprecher sinkt in einen durchsichtigen, webenden Zustand und verlässt das Leben. Was ihm dort begegnet, ist kein Schrecken, sondern eine wundersame Landschaft: dunkelglühende Blütenkelche, warmes Licht, schwermütige Musik. Er weiß, ohne es zu begreifen: Das ist der Tod, der Musik geworden ist – gewaltig sehnend, süß und der tiefsten Schwermut verwandt. Doch mitten in dieser Todesnähe erwacht ein namenloses Heimweh nach dem Leben. Er sieht sich wie von einem großen Schiff aus, das an der Vaterstadt vorübergleitet: als Kind am Ufer, mit ängstlichen Augen, während das Schiff ihn lautlos weiterträgt. So entsteht eine traumhafte, schwebende Stimmung, in der sich Todesfaszination und schmerzliche Sehnsucht nach der verlorenen Kindheit verbinden.

Read also

More by Hugo von Hofmannsthal

All poems
DreamyHugo von Hofmannsthal

Reiselied

Wasser stürzt, uns zu verschlingen, Rollt der Fels, uns zu erschlagen, Kommen schon auf starken Schwingen Vögel her, uns fortzutragen.
DreamyHugo von Hofmannsthal

Vorfrühling

Es läuft der Frühlingswind Durch kahle Alleen, Seltsame Dinge sind In seinem Wehn.
DreamyHugo von Hofmannsthal

Weltgeheimnis

Der tiefe Brunnen weiß es wohl, Einst waren alle tief und stumm, Und alle wußten drum. Wie Zauberworte, nachgelallt