Hofmannsthal, ein österreichischer Dichter der Wiener Moderne, schrieb mit dem «Reiselied» ein Gedicht, das wie ein Lied wirkt, das sich selbst unterbricht: Statt einer Reise wird ein Sturz in Gefahr und zugleich eine ruhige Vision entfaltet. Schon der Titel spannt zwei Pole auf – das Unterwegssein und die musikalische Form –, und das Gedicht lebt aus diesem Gegensatz.
Die erste Strophe setzt mit heftiger Bewegung ein. In vier trochäisch fallenden Versen wird ein Angriff aus drei Elementen entworfen: Wasser stürzt, Fels rollt, Vögel kommen auf starken Schwingen. Jede Naturkraft bedroht den Sprecher und ein „uns“ auf eigene Weise: verschlingen, erschlagen, forttragen. Der Kreuzreim verbindet diese Wörter klanglich, als ob die Gefahr von allen Seiten heranrollte. Laute wie das wiederholte „st“, „sch“ und „ng“ machen die Zeilen laut und unruhig; die gleich gebauten Infinitivfügungen am Versende erzeugen ein Drängen ohne Halt. Wasser, Fels und Luft bilden zusammen eine Welt, in der alles in Bewegung ist und der Mensch nur Objekt bleibt.
Mit „Aber unten liegt ein Land“ kippt das Gedicht. Das „Aber“ ist ein hörbarer Einschnitt, „unten“ kehrt die Richtung um: Unter der stürzenden, rollenden, fliegenden Welt öffnet sich ein ruhiger Raum. Statt der drohenden Verben steht nun das statische „liegt“. Was dort unten zu sehen ist, wird in zwei ausgreifenden Sätzen entfaltet: Früchte spiegeln sich ohne Ende in alterslosen Seen. Die Wörter „spiegelnd“, „ohne Ende“ und „alterslos“ nehmen dem Bild die Zeit; hier gibt es keinen Verfall, keine Reise, nur Dauer. Die spiegelnden Seen verdoppeln die Welt, als schaue die Landschaft sich selbst an.
Noch stärker wird die Vision in den letzten Zeilen: „Marmorstirn und Brunnenrand / Steigt aus blumigem Gelände“. Das klingt nach einem antiken Garten oder einem vergessenen Kunstwerk, das aus der Natur hervorwächst. Der Singular „steigt“ verschmilzt beides zu einer einzigen Erscheinung. Der Marmor steht für Dauer und geformte Schönheit, die „Stirn“ gibt dem Stein etwas Menschliches, Nachdenkliches. Der Brunnenrand bändigt das Wasser, das in der ersten Strophe noch verschlingen wollte. Aus dem wilden Element wird ein gefasstes, spielerisches. Auch die „leichten Winde“ am Schluss sind das genaue Gegenteil der „starken Schwingen“; das Wehen klingt leise nach, und in „wehn“ hallt der Klang von „Seen“ wider, als bliebe die Strophe in einer sanften Kreisbewegung.
Auffallend verändert sich auch der Rhythmus. Die erste Strophe geht in vier Hebungen, trochäisch fallend, voran; sie treibt. Die zweite Strophe wird lockerer, die Zeile „Aber unten liegt ein Land“ ist kürzer und lässt nach dem „Land“ eine kleine Pause entstehen, ehe die langen, schwingenden Verse folgen. Der Reim der ersten Strophe ist ein gängiger Kreuzreim; die zweite Strophe flicht drei Klänge ineinander – Land und Brunnenrand, Ende und Gelände, Seen und wehn –, was die geschlossene, ruhende Ordnung der Vision auch akustisch spiegelt.
Die Bedeutung des Gedichts liegt darin, dass es mit wenigen Worten einen ganzen Gegenentwurf zur bedrohlichen Bewegung schafft. Es erzählt keine Reise, sondern hält die Sehnsucht nach einem zeitlosen, künstlerisch geformten Ort fest. Die Bedrohung bleibt in der ersten Strophe gegenwärtig; sie wird nicht aufgelöst, sondern überwölbt von einer Vision, die wie Marmor und spiegelndes Wasser dem Fluss der Zeit standhält. So wird aus einem Lied des Aufbruchs ein Lied der inneren Ankunft.