Ein tiefes Wissen, das alle einmal besaßen und das heute keiner mehr aussprechen kann: Hugo von Hofmannsthals «Weltgeheimnis» umkreist die Frage, wie eine letzte Wahrheit unter den Menschen weiterlebt, wenn sie nicht mehr begriffen wird. Die Antwort des Gedichts ist keine Erklärung, sondern eine Kette von Bildern: Brunnen, Zauberworte, Lied, Kind, Liebende, Kuss, Edelstein, Traum. Das Geheimnis wird nicht mitgeteilt, aber es hinterlässt Spuren – in der Sprache, in der Liebe und im unruhigen Träumen.
Geformt ist das Gedicht aus acht kurzen Strophen zu je drei Zeilen. Meist reimen sich die zweite und dritte Zeile, etwa „stumm“/„drum“, „Mann“/„dann“ oder „bückt“/„entrückt“; die erste Zeile setzt dagegen oft ein Leitwort, das wie ein Echo nachklingt. Der Rhythmus ist knapp und liedhaft, viele Verse tragen nur drei oder vier Hebungen. So entsteht etwas Raunendes, fast Beschwörendes. Besonders deutlich wird das an dem Satz, der das Gedicht rahmt: „Der tiefe Brunnen weiß es wohl.“ Er taucht am Anfang, in der Mitte und am Ende auf und verwandelt das Gedicht in eine Art Kreisgang um ein verschwiegenes Zentrum.
Der tiefe Brunnen ist das zentrale Bild. Er ist tief und stumm; er hält das Wissen, ohne es zu sagen. Die Menschen der Vorzeit waren in dieser Sicht ebenfalls „tief und stumm“ – ihr Wissen war kein Besitz, sondern eine Art des Seins. Heute dagegen geht es, wie es in der zweiten Strophe heißt, „von Mund zu Mund“ – als „Zauberworte, nachgelallt / und nicht begriffen in den Grund“. Das ungewöhnliche Wort „nachgelallt“ macht hörbar, wie Sprache zur bloßen Klangspur werden kann: Man gibt sie weiter, ohne ihren Grund zu verstehen. Das Wort „Grund“ meint dabei Tiefe und Ursache zugleich.
Ein Mann beugt sich über den Brunnen, „begriff es und verlor es dann.“ Im Wort „begreifen“ steckt das Greifen: Wer nach dem Geheimnis greift, hält es einen Moment lang – und verliert es im selben Akt des Festhaltens. Daraufhin redet er „irr“ und singt ein Lied. Sein Gesang wird zum „dunklen Spiegel“, in den sich ein Kind bückt und „entrückt“ wird. Hier wandert das Geheimnis von der direkten Erkenntnis in die Kunst. Das Kind wächst heran, wird eine Frau, die geliebt wird, und in der Liebe leuchtet das alte Wissen erneut auf: „Wie Liebe tiefe Kunde gibt!“ Die Küsse werden zum Ort des Erinnerns: „Da wird an Dinge, dumpf geahnt, / In ihren Küssen tief gemahnt.“ Das Geheimnis erscheint also nicht als Gedanke, sondern als Ahnung und Berührung; die Auslassungspunkte zeigen, dass die tiefste Kunde unausgesprochen bleibt.
Auch in der Alltagssprache ist das Geheimnis verborgen, doch so, wie ein Edelstein in gewöhnlichem Kies eingeschlossen sein kann: „So tritt des Bettlers Fuß den Kies, / Der eines Edelsteins Verlies.“ Der Bettler ist arm und ahnungslos, sein Fuß berührt dennoch das Versteck des Kostbarsten. Ähnlich liegen in unseren Worten – gerade in den abgenutzten, scheinbar belanglosen – Reste einer tieferen Botschaft. Die letzte Strophe zieht die Zeitachse zusammen: „Einst aber wußten alle drum, / Nun zuckt im Kreis ein Traum herum.“ Aus dem einstigen Besitz ist ein umherirrender Traum geworden. Das Verb „zuckt“ wirkt fahrig und unstet; der Kreis deutet auf Wiederholung ohne Ankunft.
Das Gedicht ist bedeutsam, weil es das Weltgeheimnis nicht als lösbares Rätsel entwirft, sondern als etwas, das nur im Verlieren, Weitergeben und Wiedererahnen erfahrbar wird. Es spricht von der Macht der Poesie und der Liebe, ein vergessenes Wissen wachzurufen, ohne es erklären zu müssen. Genau darin liegt seine eigentümliche Spannung: Eine Wahrheit, die man besitzt, geht verloren; eine Wahrheit, die man nur als Ahnung weitergibt, bleibt lebendig.