Ein Sauerampfer wächst auf einem Bahndamm zwischen den Gleisen. Ringelnatz macht aus ihm eine kleine, fast menschliche Figur: Das Kraut steht stramm, wenn ein D-Zug kommt, schluckt Staub und Qualm und wirkt schwindsüchtig und verloren. Es hat Augen, Herz und Ohren, nimmt also wahr, was um es herum geschieht, kann aber nicht fort. Der Sprecher blickt voller Mitgefühl und leiser Ironie auf dieses arme Kraut, das unzählige Züge und reisende Menschen sieht, aber selbst nie von der Stelle kommt. Das Strammstehen klingt dabei fast militärisch und unterstreicht, wie ausgeliefert das Pflänzchen der technischen Welt ist. Die letzte Zeile verschiebt die Perspektive: Es kennt nur Gleise und Eisenbahn, nicht das Meer oder die weite Welt. So entsteht eine melancholische, zärtlich-komische Stimmung; die Sehnsucht nach Ferne bleibt unerfüllt.
Arm Kräutchen — Zusammenfassung
Ein Sauerampfer auf dem Damm Stand zwischen Bahngeleisen, Machte vor jedem D-Zug stramm, Sah viele Menschen reisen
Und stand verstaubt und schluckte Qualm, Schwindsüchtig und verloren, Ein armes Kraut, ein schwacher Halm, Mit Augen, Herz und Ohren.
Sah Züge schwinden, Züge nahn. Der arme Sauerampfer Sah Eisenbahn um Eisenbahn, Sah niemals einen Dampfer.