Joachim Ringelnatz' «Überall» beginnt wie ein kindlicher Zauberspruch: Viermal setzt das Wort «Überall» am Zeilenanfang an, und jedes Mal wird ihm ein großes Hauptwort nachgeschoben – Wunderland, Leben, Dunkelheit, Ewigkeit. Die Zeilen sind kurz und rhythmisch beweglich, fast wie ein Abzählreim. Doch schon die dritte und vierte Zeile kippen den hohen Ton: «Bei meiner Tante im Strumpfenband / Wie irgendwo daneben.» Damit ist das Programm des Gedichts benannt. Die Totalität, die das «Überall» behauptet, besteht nicht aus erhabenen Orten, sondern gerade aus beiläufigen, fast peinlichen Einzelheiten. Das Wunderland liegt nicht hinter den Bergen, sondern im Strumpfband der Tante – oder eben daneben.
Die erste Strophe baut keine stabile Feierlichkeit auf. Zwar wirken die Verse durch die Wiederholung und die kurzen Sätze beschwörend. Der Reim wechselt jedoch spürbar: Auf den Kreuzreim von «Wunderland / Strumpfenband» und «Leben / daneben» folgt mit «Dunkelheit / Väter / später / Zeit» eine gedrängte Lautkette, in der sich alles reimt oder anklingt; «Ewigkeit» verlängert diesen Klang noch einmal. Dadurch entsteht ein Sog, aber auch eine leichte Unruhe. Die großen Wörter werden nicht ruhig gestellt, sondern in Bewegung versetzt.
Auffällig ist, wie das Gedicht die großen Gegensätze in einen einzigen Raum presst. «Kinder werden Väter» verdichtet Generationen und Zeit; «Fünf Minuten später / Stirbt sich was für einige Zeit» nimmt dem Tod seine Endgültigkeit und macht aus ihm eine beiläufige, fast komische Unterbrechung. Das unpersönliche «stirbt sich was» klingt beiläufig, als wäre der Tod nur ein Wetterumschwung. Gleich danach steht «Überall ist Ewigkeit» – ein Satz, der nach dem vorangegangenen Scherz nicht mehr nur erhaben, sondern auch fragwürdig wirkt.
Die zweite Strophe wechselt radikal in eine experimentelle Nahaufnahme. Von der «Tante im Strumpfenband» geht es zu einem «Schneck», der behaucht wird. Das Detail ist konkret und beinahe grausam: Der Hauch lässt das Tier ins Gehäuse schrumpfen, eine Abwehrbewegung. Taucht man es in Kognak, «sieht er weiße Mäuse». Das ist mehr als ein albernes Bild. Die Wendung «weiße Mäuse sehen» steht umgangssprachlich für Trunkenheitswahn. Der Schnaps verwandelt also die Wahrnehmung des Schnecks, vielleicht zerstört er sie. Die zweite Strophe behält dieselbe liedhafte Kurzzeiligkeit und den Kreuzreim des Anfangs bei, doch hinter der Komik lauert nun die Frage, was mit einem Lebewesen geschieht, das man zum Objekt eines Versuchs macht.
Im Zentrum steht die Einsicht, dass Wunder, Leben, Dunkelheit und Ewigkeit nicht getrennt vom Lächerlichen existieren. Ringelnatz verbindet das Erhabene mit der Wäsche der Tante, das Universum mit dem Kognakglas. Er verweigert dem Leser ein einziges, feierliches Weltbild. Was bleibt, ist ein schwebender Ton zwischen Unsinn und Tiefe, zwischen Kindervers und existenzieller Beunruhigung. Gerade die Schlusspointe zeigt das: Der Schneck sieht weiße Mäuse – wer trunken ist, sieht Dinge, die nicht da sind; aber vielleicht sieht er gerade dadurch etwas von der «Ewigkeit», von der vorher die Rede war.
Auch formal unterstreicht das Gedicht diese Mischung. Die erste Strophe ist mit neun Zeilen länger und gedanklich überfüllt, die zweite mit vier Zeilen knapp wie ein Aphorismus. Auf die großen Aussagen folgt eine kleine Fabel ohne Moral. Dadurch entsteht eine ironische Antwort auf alle Versuche, das Ganze der Welt in einem Satz zu besitzen. «Überall» ist ein Gedicht, das seinen Titel ernst nimmt und zugleich durchstreicht: Ja, überall ist Wunderland – aber das Wunderland ist eben auch die Stelle, wo ein betrunkener Schneck weiße Mäuse sieht.