Kurt Tucholskys «Augen in der Großstadt» beschreibt einen Moment, in dem man in der Masse der Stadt plötzlich einem fremden Menschen in die Augen sieht. Aus einem kurzen Blick kann alles Mögliche werden – Glück, Freundschaft, Feindschaft, sogar ein Lebensgefährte –, doch genauso schnell ist er vorbei. Der Sprecher wendet sich an ein „du“ und zieht uns damit mitten in diese Erfahrung hinein: Morgens auf dem Weg zur Arbeit, am Bahnhof, zwischen Millionen Gesichtern begegnen sich zwei Menschen für eine Sekunde und gehen dann weiter. Die Stadt erscheint dabei als glatter, anonymer Trichter, in dem Nähe und Verlorenheit gleichzeitig spürbar sind.
Die Stimmung ist melancholisch und ein wenig sehnsüchtig. Der Kehrvers „vorbei, verweht, nie wieder“ macht spürbar, dass diese Begegnung unwiederbringlich ist. Was hätte daraus entstehen können? Man wird es nie erfahren. Gerade das macht den Blick so intensiv und zugleich traurig.