Der Titel «Aufmunterung zur Freude» zeigt bereits, dass hier niemand auf ein vages Gefühl wartet: Freude wird als Haltung verstanden, zu der man sich ermuntern kann und soll. Ludwig Christoph Heinrich Hölty, 1748 geboren und 1776 gestorben, gehörte dem Göttinger Hainbund an, einem Kreis junger Dichter, die das einfache Lied, die Natur und die gesellige Empfindung schätzten. Sein Gedicht ist ein solches Lied – scheinbar leicht, aber mit einem ernsten Unterton.
Die ersten beiden Strophen fragen rhetorisch: «Wer wollte sich mit Grillen plagen, / So lang’ uns Lenz und Jugend blühn?» Das altertümliche Wort «Grillen» meint düstere Einbildungen und quälende Sorgen; ihnen stehen «Lenz und Jugend» und die «Blütentagen» des Lebens gegenüber. Die Frage erwartet keine Antwort, sondern macht den Missmut gleichsam lächerlich. In der zweiten Strophe wird die Freude nicht als fernes Ziel entworfen, sondern als Begleiterin: Sie winkt «auf allen Wegen» durch das «Pilgerleben» und bringt sogar am «Scheidewege» einen «Kranz» entgegen. Das Leben erscheint als Pilgerschaft, also als Weg mit Unsicherheit und Abschied, doch gerade auf diesem Weg wird die Freude als Gastfreundin vorgestellt.
Die mittleren drei Strophen entfalten dann, was diese Freude sinnlich ausmacht. Auffällig ist die wiederholte Eröffnung mit «Noch»: «Noch rinnt und rauscht die Wiesenquelle; / Noch ist die Laube kühl und grün; / Noch scheint der liebe Mond so helle, / Wie er durch Adams Bäume schien!» Das «Noch» feiert die Gegenwart, deutet aber zugleich auf ihre Grenze. Quelle, Laube und Mond werden zu Zeichen einer paradiesischen Schönheit, die seit Adams Zeiten fortbesteht. Das Lautbild «rinnt und rauscht» malt das Wasser, während die kühle Laube und das helle Mondlicht den Augen eine ruhige Welt schenken. Danach treten Wärme und Nähe hinzu: Der Saft der «Purpurtraube» stärkt das kranke Herz, der Kuss auf einen «rothen Mund» wird in der Abendlaube genossen. Die fünfte Strophe öffnet den Klangraum: Der «Busch voll Nachtigallen» singt dem Jüngling «hohe Wonne» zu, und selbst «zerrissne Seelen» finden Ruhe. Fast unmerklich wandert die Wahrnehmung vom Sehen zum Schmecken, Fühlen und Hören – der ganze Körper wird auf die Erde bezogen.
Die Schlussstrophe zieht daraus den gedanklichen Schluss: «O wunderschön ist Gottes Erde, / Und werth darauf vergnügt zu sein!» Hier spricht nicht ein naiver Lebensgenuss, sondern eine religiös gefärbte Dankbarkeit. Dass die Erde «Gottes Erde» genannt wird, gibt der Freude einen festen Grund. Der Sprecher weiß um seine eigene Vergänglichkeit – «bis ich Asche werde» –, doch dieses Wissen verdüstert den Ton nicht, sondern macht jeden Augenblick kostbar. Er will sich «dieser schönen Erde freun», gerade weil die Zeit begrenzt ist.
Formal unterstützt die liedhafte Bauweise diesen Ton. Sechs vierzeilige Strophen mit durchgängigem Kreuzreim und vierhebigen Jamben wirken eingängig und schwingend; der regelmäßige Wechsel von weiblichen und männlichen Versausgängen erzeugt Bewegung. Die vielen parallelen Satzanfänge, vor allem das anaphorische «Noch», geben dem Gedicht einen fast hymnischen Atem. Wörter wie «Lenz», «Blütentagen», «Pilgerleben», «Kranz» und «Asche» verbinden Natur, Lebensweg und Tod zu einem dichten Gewebe.
Die Bedeutung des Gedichts liegt nicht in kühnen Metaphern oder überraschenden Brüchen, sondern in der Klarheit, mit der es aus dem Alltag eine Lebenshaltung macht. Das «Noch» ist der Schlüssel: Es hält fest, dass Schönheit nicht selbstverständlich ist, und verwandelt gerade diese Einsicht in einen Grund zur Freude. So wird aus der scheinbar einfachen Aufforderung ein bewusstes Ja zur vergänglichen Erde.