Abend — Gedichtanalyse

Rainer Maria RilkeContemplative

Der Abend wechselt langsam die Gewänder, die ihm ein Rand von alten Bäumen hält; du schaust: und von dir scheiden sich die Länder, ein himmelfahrendes und eins, das fällt:

und lassen dich, zu keinem ganz gehörend, nicht ganz so dunkel wie das Haus das schweigt, nicht ganz so sicher Ewiges beschwörend wie das was Stern wird jede Nacht und steigt –

und lassen dir (unsäglich zu entwirrn) dein Leben, bang und riesenhaft und reifend, so daß es, bald begrenzt und bald begreifend, abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn.

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Ein Abend, der mehr tut, als nur dunkel zu werden: In Rainer Maria Rilkes «Abend» verwandelt sich die Dämmerung in einen langsamen Wechsel von Gewändern. Ein Rand alter Bäume hält diese Gewänder, als läge der Horizont wie ein Stoff zwischen Himmel und Erde. Doch schon mit der dritten Zeile kippt die äußere Szene nach innen: «du schaust: und von dir scheiden sich die Länder». Nicht mehr nur draußen wechselt das Licht; im Betrachter selbst teilt sich eine Landschaft in ein «himmelfahrendes» und ein fallendes Land. Die Abendstunde wird so zur Schwelle, an der das Ich sich selbst als zerrissen erfährt.

Das angesprochene Du gehört danach zu keinem dieser Länder ganz. Es ist «nicht ganz so dunkel wie das Haus das schweigt» und auch nicht so sicher darin, Ewiges zu beschwören, «wie das was Stern wird jede Nacht und steigt». Rilke stellt zwei Existenzweisen als Gegenbilder auf: das stille, in sich geschlossene Haus, das in seiner Dunkelheit ruht, und den Stern, der im zyklischen Aufstieg eine verlässliche kosmische Ordnung verkörpert. Das menschliche Ich bleibt dazwischen. Es ist weder so selbstvergessen wie das Haus noch so rein und wiederholbar wie das Gestirn. Diese Stellung ist kein Mangel, sondern eine eigentümliche Offenheit: Das Leben bleibt «bang und riesenhaft und reifend» — also unfertig, furchtbar und zugleich wachsend.

Formal trägt der ruhige Fluss der Verse diese Spannung. Das Gedicht besteht aus drei vierzeiligen Strophen, deren Reime zunächst über Kreuz, in der Schlussstrophe umarmend angeordnet sind; die Verse sind überwiegend fünfhebig und wirken fast getragen. Doch die Satzbewegung schiebt über die Zeilen und Strophen hinweg: Nach «fällt» folgt ein Doppelpunkt, der erste Satz mündet erst in der zweiten Strophe, und der Gedankenstrich nach «steigt» bereitet die dritte Strophe vor. So entsteht der Eindruck eines unaufhaltsamen, aber langsamen Übergangs. Der Reim greift über Strophengrenzen hinweg: «entwirrn» klingt mit «Gestirn» zusammen, als wäre das Unentwirrbare des Lebens mit der fernen Ordnung der Sterne im Klang verbunden.

Auffällig sind die Wörter, die das Ich zwischen Schwere und Weite pendeln lassen. Das Haus «schweigt», der Stern «steigt»; das eine zieht nach unten, ins Dunkle, das andere nach oben, ins Wiederkehrende. Am Ende verdichtet sich dieser Gegensatz in einem einzigen Verspaar: «bald begrenzt und bald begreifend, / abwechselnd Stein in dir wird und Gestirn». Hier spielt Rilke mit dem Gleichklang von «begrenzt» und «begreifend»: Wer sich begrenzt erlebt, wird fest, fast dinghaft wie ein Stein; wer begreift, weitet sich, wird licht, wird Stern. Das Ich ist also kein Zustand, sondern ein fortwährender Wechsel. Der Stein steht für das Schwere, Undurchsichtige, für die Grenze; das Gestirn für die erhabene, wiederkehrende Klarheit. Beides «wird» im Du, und zwar abwechselnd.

Gerade darin liegt die Bedeutung des Gedichts. Es macht aus einer Abendstimmung keine idyllische Beschreibung, sondern eine Erfahrung der eigenen Mitte. Der Mensch erscheint nicht als Wesen, das entweder ganz der Erde oder ganz dem Himmel gehört, sondern als jemand, der an der Grenze lebt. Diese Grenze wird nicht aufgelöst; das Leben bleibt «unsäglich zu entwirrn». Aber das Gedicht gibt diesem Unentwirrbaren eine Form: den ruhigen Rhythmus, die klaren Bilder, den genau gesetzten Reim. So wird der Abend zum Sinnbild für das, was der Mensch ist — ein langsamer Gewandwechsel zwischen Dunkel und Licht, zwischen Stein und Gestirn.

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