Am Anfang steht ein liegender Körper, fast nur ein Gesicht in steilen Kissen. Rilke setzt mit „Er lag“ eine einfache, harte Tatsache und wendet den Blick sofort auf das „aufgestellte Antlitz“, das „bleich und verweigernd“ wirkt. „Verweigernd“ ist ein starkes Wort für einen Toten: Es macht das Gesicht zu einer Instanz, die sich der Welt entzieht. Zugleich wird die Welt selbst verändert. Die Fügung „die Welt und dieses von ihr Wissen“ zeigt, dass der Dichter nicht bloß Dinge sah, sondern ein Wissen der Welt in seinen Sinnen trug. Als diese Sinne abreißen, fällt die Welt an das „teilnahmslose Jahr“ zurück. Der Ausdruck „teilnahmslos“ meint wörtlich, dass das Jahr keinen Anteil mehr an ihm hat – die Zeit wird gleichgültig, sobald niemand mehr da ist, der sie empfindet.
Die zweite Strophe dreht diese Trennung um. Die Menschen, die ihn leben sahen, wussten nicht, „wie sehr er eines war mit allem diesen“. Die Demonstrative „diese Tiefen, diese Wiesen / und diese Wasser“ rücken die Landschaft so dicht heran, dass sie nicht mehr Kulisse ist, sondern Wesen des Dichters. Sie „waren sein Gesicht.“ Das ist der zentrale Satz des Gedichts: nicht die Natur ähnelt dem Gesicht, sondern das Gesicht ist die Natur. Man kann darin eine Vorstellung erkennen, die Außen und Innen im dichterischen Sehen ineinander übergehen lässt, ohne dass das Gedicht dies begrifflich erklärt.
Auffällig ist, wie sich das Wort für das Gesicht verwandelt: zuerst heißt es „Antlitz“, dann „Gesicht“, am Ende „Maske“. Das „Antlitz“ gehört noch dem sterblichen Körper; das „Gesicht“ wird in der zweiten Strophe mit Tiefen, Wiesen und Wassern gleichgesetzt; die „Maske“ schließlich ist die zurückbleibende Form. In der letzten Strophe wendet sich die Stimme des Gedichts mit „O“ der Weite zu. Das Gesicht „war diese ganze Weite“, und die Weite „will“ noch zu ihm, „wirbt“ um ihn. Der tote Dichter wird so zum Geliebten einer Landschaft, die ihn zurückverlangt. Dann wechselt der Blick zur „Maske“: Sie „verstirbt bang“ und ist „zart und offen wie die Innenseite / von einer Frucht, die an der Luft verdirbt“. Dieser Vergleich kehrt das Maskenbild um. Eine Maske ist sonst hart, schützend, außen; hier ist sie das weichste Innere, das nach außen gestülpt wurde. Der Tod verschließt den Menschen also nicht, sondern öffnet ihn – und genau diese Öffnung macht ihn verletzlich. Das Sterben erscheint als ein sehr zartes Verderben.
Auch die Form vollzieht diese Bewegung mit. Der Text hat vierzehn Zeilen, ist aber kein klassisches Sonett, sondern in drei Blöcke von fünf, vier und fünf Versen gegliedert. In der ersten Strophe klammern die Reime „war“ und „Jahr“ die Zeilen ein, während „Kissen“, „Wissen“ und „abgerissen“ einen dreifachen Gleichklang bilden; dadurch entsteht ein Gefühl des Zufallens, fast des Abschließens. In der zweiten Strophe reimen „nicht“ und „Gesicht“ über die Mitte hinweg, und „diesen“ klingt in „Wiesen“ nach – die Sprache selbst macht das Gesicht zur Landschaft. Die Schlussstrophe bringt mit „Weite“ und „Innenseite“ helle, offene Vokale, die dann in „wirbt“, „verstirbt“ und „verdirbt“ dumpf enden. Das Gedicht arbeitet so an einer Doppelheit: Weite und Verfall, Gesicht und Maske.
Bedeutsam ist das Gedicht, weil es den Tod des Dichters nicht als Verlust des Werks darstellt, sondern als Verwandlung der Wahrnehmung. Die Welt bleibt als Gesicht bestehen, während nur die sterbliche Hülle vergeht. Rilke findet dafür Bilder, die zugleich groß und körperlich sind: die Landschaft als Gesicht, die Maske als Innenseite einer Frucht. Das ist kein Trost in Form von Nachruhm, sondern der Gedanke, dass dichterische Erfahrung etwas aufbewahrt, was im Tod nicht einfach verschwindet – eine Öffnung, die sichtbar und empfindlich bleibt, selbst wenn sie an der Luft verdirbt.