Rainer Maria Rilkes „Einsamkeit“ beginnt mit einem elementaren Vergleich: Die Einsamkeit ist wie ein Regen. Aus diesem Vergleich wird rasch eine eigenständige Bewegung. Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen, wandert von fernen Ebenen zum Himmel, der sie „immer hat“, und fällt erst von dort auf die Stadt. Damit ist die Grundidee benannt: Einsamkeit ist kein bloßes Gefühl im Inneren, sondern ein Vorgang, der Landschaft, Wetter und menschliches Zusammenleben durchdringt. Sie kommt von außen, sammelt sich über den Menschen und dringt in ihre Nächte ein.
Auffällig ist die syntaktische und klangliche Form. Die erste Strophe bildet mit den Reimwörtern „Regen“, „entgegen“, „entlegen“ eine fließende Lautkette; dann schließen „hat“ und „Stadt“ den Abschnitt kurz und hart. So entsteht ein Rhythmus, der zunächst Weite und Bewegung hat, ehe er in der urbanen Enge ankommt. Das Gedicht bleibt ein lockerer, aber deutlich gebundener Vers; die Enjambements tragen den Satz über die Zeilen- und sogar Strophengrenze hinweg. „Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt. / Regnet hernieder ...“ – das Verb „Regnet“ hängt grammatisch an der ersten Strophe, als könnte der Regen nicht pausieren.
In der zweiten Strophe verdichtet sich das Geschehen auf menschliche Situationen. Die „Zwitterstunden“ sind jene unentschiedenen Zeiten zwischen Nacht und Morgen, in denen die Gassen sich „nach Morgen wenden“ – als wären sie selbst unruhig oder erwartungsvoll. In diese Zwischenzeit fallen die Bilder misslingender Nähe: Leiber, „welche nichts gefunden“, lassen „enttäuscht und traurig von einander“; Menschen, die einander hassen, müssen „in einem Bett zusammen schlafen“. Rilke spricht hier nicht von Liebenden, sondern von Körpern und Hassenden. Die körperliche Nähe ist erzwungen, nicht erfüllt. Die Einsamkeit erscheint so gerade dort, wo Menschen einander körperlich am nächsten sind, aber innerlich nichts verbindet. Das Wort „müssen“ macht diese Nähe zum Zwang.
Der Satzbau der zweiten Strophe steigert diese Beklemmung: Dreimal setzt ein „wenn“ an, dreimal wird eine Szene aufgeschichtet, bis nach dem Doppelpunkt das erlösende „dann“ folgt: „dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen …“ Dieses Ende bleibt bewusst offen. Die Einsamkeit verlässt die Stadt nicht einfach, sondern fließt mit den Flüssen weiter, wird Teil eines größeren Kreislaufs. Auch der Anfangsvergleich wird damit erweitert: Aus dem Regen wird Wasser, aus dem Wasser ein Fluss, aus dem Fluss ein Weitertragen.
Die Bedeutung des Gedichts liegt darin, wie es einen inneren Zustand nach außen wendet. Rilke schildert Einsamkeit nicht als private Klage, sondern als atmosphärische Macht mit eigenem Weg: vom Meer über die Ebenen zum Himmel, vom Himmel auf die Stadt, von der Stadt in die Betten und schließlich in die Flüsse. Die Naturbilder – Meer, Regen, Himmel, Flüsse – sind keine Kulisse, sondern das eigentliche Geschehen. Gerade dadurch wirkt die Einsamkeit unausweichlich: Man kann ihr nicht entgehen, weil sie wie ein Wetter ist, das kommt und weiterzieht. Die offenen Punkte am Ende deuten an, dass dieser Zug nie ganz aufhört.