Rilke beschreibt die Einsamkeit nicht als Gefühl einer einzelnen Person, sondern als etwas Wetterhaftes: Sie gleicht einem Regen, der vom Meer aufsteigt, abends über ferne Ebenen zieht und schließlich auf die Stadt niedergeht. Dadurch wirkt sie unausweichlich, fast elementar. Besonders spürbar wird sie in den Zwischenstunden der Nacht, wenn die Gassen sich dem Morgen zukehren, wenn Menschen enttäuscht auseinandergehen oder sich widerwillig ein Bett teilen. In solchen Momenten der Leere und Entfremdung ist die Einsamkeit plötzlich da, wie Regen, der alles durchdringt. Am Ende verbindet sie sich mit den Flüssen, fließt weiter und bleibt in Bewegung. Die Stimmung ist still, schwer und ein wenig trostlos, aber nicht anklagend – eher als wäre Einsamkeit ein natürlicher Teil der Nacht und der Stadt.
Einsamkeit — Zusammenfassung
Die Einsamkeit ist wie ein Regen. Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen; von Ebenen, die fern sind und entlegen geht sie zum Himmel der sie immer hat. Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.
Regnet hernieder in den Zwitterstunden wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen und wenn die Leiber welche nichts gefunden enttäuscht und traurig von einander lassen; und wenn die Menschen die einander hassen, in einem Bett zusammen schlafen müssen:
dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen …